Aus meiner Litton-Zeit

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...mündet in Infinitesimalrechnung

Die Mechanik- und Elektronik-Präzisionshardware der Anfang der 1960er Jahre vorliegenden NASA-Technik forderte nach Erfahrungen im Vorgang der Systemtestprozeduren und kritischen Beurteilungen bestimmter ortsabhängiger Einstell- und Ausgabewerte zur mathematischen Überprüfung heraus, um zu sehen, ob die technische Kunst der amerikanischen Entwickler in deren geografischer Region zu 100% auch unter den hiesigen geografischen Bedingungen galt, oder ob sie einer entsprechenden Modifikation bedurfte – ja, im Bereich der „Schulerschwingung“ bedurfte sie.

 

Die Neuberechnung der Schulertesttoleranzen für den Standort Hamburg, etwa gleichermaßen Freiburg, wurde für mich eine interessante analytische Beschäftigung mit den diesbezüglich physikalischen Gegebenheiten des um seine Nord-Süd-Achse ostwärts rotierenden Planeten Erde. Die Berücksichtigung der universell wirksamen Corioliskraft und ihrer elektronisch durchzuführenden mathematischen Kompensation war ja gegeben, hingegen war die Berücksichtigung der Schuler-Schwingungswerte, auf Hamburg und Freiburg bezogen, dringend zu überarbeiten, denn hier zeigten sich Grenzwertigkeiten gegenüber den Testdaten, bezogen auf Palmdale, USA.
Schulerschwingung? Maximilian Schuler (1882-1972) stellte fest, dass ein kardanisch aufgehängtes System (z.B. Kreiselkompass-Plattform) durch Beschleunigung (z. B. Starfighter) wie ein Pendel zu schwingen beginnt, so dass z. B. für die Navigation (auch Schiff, besonders Flugzeug) unakzeptable Fehlsignale entstehen. Schuler setzte als Kompensationsgedanke das nach ihm benannte Schuler-Pendel ein, dessen hypothetische Fadenlänge der Strecke des Erdradius (6371 km) gleicht. Die Pendelperiode betrüge zwar als geodätische Konstante 84,4 Minuten, doch bliebe die Pendelmasse im Erdmittelpunkt fixiert, vom Aufhängeort des Pendels auf der Erdoberfläche und von seiner erdoberflächeparallelen Beschleunigung grundsätzlich unabhängig. Zwingt man nun einem schwingungsfähigen System die Schuler-Schwingungsperiode elektronisch kontinuierlich gesteuert auf, dann wird jeder physikalische Anteil zur Schwingungsneigung sofort unterbunden. Das System bleibt stabil, die Beschleunigungsmesser bleiben koordinatengetreu ausgerichtet und liefern nur von der Flugzeugbewegung herrührende Signale. Navigationsfehler erzeugende Beschleunigungsanteile durch die Erdgravitation sind auf diese Weise ausgeschlossen.

 

...fährt auf diese Weise fort.

Die Einstellung neuer Mitarbeiter beim Aufbau der Systemtest-Abteilung in Freiburg oblag meiner Verantwortung. Voraussetzung für die Annahme eines Bewerbers war nicht allein seine bisherige berufliche Qualifikation. Wie stand er zum Fortschritt in Technik und Teamwork? War er kommunikativ, teamfähig, konzentriert? Welche Fachzeitschriften interessierten ihn? Hatte er von digitaler Technik gehört, die sich zögerlich durchzusetzen begann? Wie stellte er sich zum interdisziplinären Gesamtgeschehen in diesem Haus?

 

Es hatten sich ausschließlich männliche Bewerber vorgestellt. Frau Dressler blieb weiterhin unser einziger „weiblicher Schatz“. Schulungskurse trieben mich auf Wochen von der eigentlichen Arbeit hin zum Unterrichten nicht nur der neuen Mitarbeiter, sondern auch vieler Außendienstkollegen und nicht selten Bundeswehrangehöriger, Piloten und zuständiges Bodenpersonal. Mein Stellvertreter G. Broesan übernahm dann die „eigentliche Arbeit“ ohne jedes qualitative Defizit. Ein mündliches Bundeswehr-Angebot, angehende Piloten in Kaufbeuren zu unterrichten, lehnte ich ab. Was sollte ich in Kaufbeuren. Der sich deutlich abzeichnende Fortschritt speziell im elektronischen Bereich wäre in der praktischen Anwendung an mir vorbei gegangen. Zwei Dutzend neue Fachzeitschriften lagen monatlich auf meinen Schreibtisch, ein Drittel davon aus den USA. Der Fortschritt kam von dort. Unsere Uni's und die europäische Industrie waren noch nicht so weit. Sonst hätte Franz Josef Strauß nicht zu Lockheed gehen müssen, um deren Flieger zu kaufen. Der Jagdbomber war teuer, denn jedes kleinste Bauteil war teuer, dafür unschlagbar in Qualität, Präzision, Langzeit- und Temperaturstabilität. Ich spreche hier nicht vom F104G-Flugverhalten.

 

LN-3, Systemteile

Den Umgang mit langzeitlich durchzuführenden Systemtest-Aufzeichnungen und messtechnisch aufgezeichnetem Datenmaterial konnte man nur in der Praxis erlernen und erproben. Der LN-3-Computer gehörte, wie oft schon erwähnt, zu den Generationen der Analog-Computer. Alle Funktionsschaltungen dieses Computers waren jeweils zweckbestimmt konzipiert und entwickelt. Sie dienten allein der nur ihnen zugedachten bestimmten Aufgabe. Die „Software“ für jede einzelne elektronische, mechanische, physikalisch-technische Funktion war in den Köpfen außergewöhnlich begabter, technisch phantasiereicher Entwickler vorhanden, basierend auf naturwissenschaftlich stimmigen Erkenntnissen.

 

Diese Art technische Software war das, was technisches Ingenium ausmacht, wenn ein Funktionskomplex zu Papier gebracht wird: Die Intelligenz der Techniker, die aus ihrem Vorlagenwust funktionierende Hardware-Einheiten in die Entwicklung bringen. Digitale Technik war noch nicht in fassbarer Sicht, sinnvoll programmierbare technische Software bei weitem noch nicht. Dafür existierte die Sensibilität eines jeden Fachmannes für jedes Funktionsdetail, wenn er mit diskreten Bauelementen und ihrem gegenseitigen Zusammenwirken umging, mit analogen Funktionen und mit Fingerspitzengefühl für Voraussetzungen, die mit anderen Voraussetzungen abzugleichen waren, und auch, wenn er imstande war, selbst den kürzesten Signalverlauf als Spiegelbild einer flüchtigen physikalischen Einwirkung zu erkennen und nachzuvollziehen, um ihn in das Gesamtwerk einzubeziehen – wenn mit dieser Erscheinung das gesamte Systemverhalten gestört oder das System ohne sie noch unvollkommen wäre.