Querdenkerfolgen.

Benutzen Sie das Mausrad...

 

 

 

Ausschnitt aus Kein verschwendetes Jahr (Roman)
Im Bereich technischer Spezialentwicklungen richten Querdenkerdilettanten
unternehmerischen Schaden an.

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Eines Tages war die Zeit seiner Geschäftsführung abgelaufen, drei Jahre früher, als er es sich aus Altersgründen vorgestellt hatte. Den Abschied verkündete er während einer Entwicklungskonferenz ohne jedes Pathos und doch emotional bewegt. Die Runde der Teilnehmer hatte diese Neuigkeit erstaunt zur Kenntnis genommen. Ein Geschäftsführer würde demnächst folgen, er habe sich bereits vorgestellt und sei ein in Industriekreisen wohlbekannter, dem Unternehmen loyal eingestellter, zur Führung bereiter und angenehm sympathischer Mann, ein Physiker von Haus aus, kein Hardware-Elektroniker wie er.
Der angenehm sympathische Physiker kam, der alte und neue Boss arbeiteten für einige Zeit zur Einarbeitung des Neuen zusammen. Und ja, es war so: Das war ein wahrhaft konzilianter Mensch, der Neue! Mit gleichbleibend freundlicher Miene durchstrich er die Produktionsstätten, die Werkstätten, die Labore, das Software-Engineering, die Qualitätskontrolle, den Einkauf, die EDV-Abteilung, und suchte auf, was von Haus aus zur Technik gehörte. Er ließ sich Verfahrensweisen und Rezepturen zeigen, who is who erklären und deren Kompetenzen und Befugnisse. Als er sein interimistisch eingerichtetes Büro verlassen und das Allerheiligste übernommen hatte, begann er vorzugsweise bei den Physikern zu verkehren. Elektronik war ihm fremd, Mechanik war ihm offenbar nur wenig interessant.
Alex' Büroraum enthielt einen Vierer-Konferenztisch, sechs Stühle, seinen beweglichen Arbeitssessel, eine große Wandtafel, auf der in bunten Filzstiftfarben nach fachlichen Besprechungen vielerlei Fachhieroglyphen entstanden, zwei Bildschirme, zwei miteinander vernetzte Computersysteme unter dem langgezogen verwinkelten Schreibtisch, einen Laserdrucker, Borde, die mit Aktenordnern bespickt, und Regale, die mit technischer Literatur belegt waren. Diesen Büroraum also betrat der neue Physiker äußerst selten und er hatte es auch verdeutlicht: „Von dem, was Sie im Hause machen, verstehe ich gar nichts.“ Ein ehrliches Wort.
„Es war konstruktiv und produktiv“, hatte Alex geantwortet, „mit Ihrem Vorgänger die Entwicklungsprojekte auch im Detail zu diskutieren.“
„Mit wem machen Sie das jetzt?“ fragte der Neue.
„Mit Ihnen!“ sagte Alex. „Wir sehen von den Details einfach ab.“
„Ich weiß nur“, sagte der Neue, „dass die Elektronik sehr teuer ist.“ Er meinte mit Elektronik den Elektronikbereich, wie mit Physik der Physikbereich gemeint war, mit Mechanik der Bereich der mechanischen Konstruktion. Aber er lächelte, als er es sagte. „Sie haben eine neue Büro- und Laborausrüstung angefordert, der Antrag liegt auf meinem Schreibtisch.“
„Ich brauche nur Ihre Unterschrift“, sagte Alex.
„Das sind ja sechsstellige Zahlen, nur wegen dieser Software“, stöhnte der neue Oberboss, „und wer weiß, was aus so etwas überhaupt wird.“
„Sie werden so etwas bald in allen Waschmaschinen haben, in Autos, Herzschrittmachern. Software wird Politik beherrschen, Ausbildung, Unterhaltung, ich sage: Die Welt.“
Der Neue schaute Alex groß an: „Nana! Machen Sie keine Witze“, und er verließ Alex' Büro. Er hatte großkonzernspezifische Führungstheorien mitgebracht, die ihn noch immer prägten und ihn seit Jahren von der praktischen Arbeit ferngehalten hatten. Er war Manager, Organisator geworden. Wie in diesem Haus der praktisch handelnde Hase lief, musste erst noch erspürt werden. Er hatte die Sekretärin übernommen, deren Aufgabe nun darin bestand, alles den Gepflogenheiten und Gewohnheiten des neuen Geschäftsführers bis hinunter zu anderen Stellplätzen für die Dokumentenordner und die Fachliteratur anzupassen. Neues Mobiliar wurde gekauft, das alte war dem Neuen zu dunkel; hell sollte alles sein und pflanzengrün in den Ecken seines großräumigen Chefbüros.
Gemessen an den Änderungen in den technischen Abteilungen war dieser Aufwand jedoch gering. Bevor die ersten Änderungen in den Entwicklungsabteilungen durchschlugen, verging einige Zeit, allein die montagmorgendlichen Entwicklungskomitee-Treffen verschwanden sofort, doch hatten sie ja ihren Sinn und Zweck gehabt: Die Bereichsleiter erhielten über Entwicklungsänderungen und -aktualisierungen allwöchentlich den gleichen Informationsstand. Der Abgleich hatte falsches Vorgehen verhindert und dadurch Kosten erspart, wenn auch die Geld ausgebende Administration von diesem Zusammenhang nicht den blassesten Schimmer hatte. Nun aber sollten die Bereichsleiter einmal pro Woche einen zeitaufwendigen, papiernen, ungeliebten Nachweis- und Prognosereport verfertigen. Wenn es die dem Oberboss inhaltlich unbequeme Elektronik betraf, dann überflog er lediglich die gewissenhaft erstellten Diagramme. Der alte Vorteil des gemeinsamen Abgleichs war in der Vielfalt dessen, was die Verantwortlichen zu tun hatten, verloren gegangen; Konstruktion und Entwicklung wurden träger, also teurer. Selbst die Solidarität ermattete.
Eines schönen Tages stellte sich den technischen Entwicklungsleitern ein fremder Mann im mittleren Alter von kleinerem Wuchs vor, den er mit dickeren Schuhsohlen zu erhöhen versuchte. Der Geschäftsführer hatte ihn als persönlichen Adjutant angeheuert, der ihm die Anstrengung technischer Auseinandersetzungen mit den Entwicklern und Konstrukteuren abnehmen sollte. Der zukünftige Adlatus war dem Papier nach zwar Maschinenbauingenieur und seine Redegewandtheit hatte den technischen Firmenchef davon überzeugt, dass genau er der richtige Mann sei, die Leute der Praxis jedoch störte sein Redefluss, wozu sie bald Gequatsche sagten, und schlimmer noch stellte sich seine Unfähigkeit heraus, technische Zusammenhänge, ob im Detail oder im System, eindeutig klar zu bewerten oder wenigstens konstruktiv zu diskutieren. Er war ein Blender.
Die weittragende, nicht zurück genommene Fehlentscheidung führte, weil der insistente Mann störte, zur Lähmung der tätigen Kräfte, allein schon durch den hervorgerufenen Ärger, den er durch die Präsenz seiner Person verursachte und der aus der Konzentration riss, ohne die nach dem Arbeitsmotto Do it right the first time kaum gearbeitet werden konnte. Je dreister dieser Mann sich anmaßte, die Evidenz althergebrachten technischen Fundamentalwissens mit bloßen Behauptungen zu verdrehen, umso mehr brach Wut und Häme sich Bahn. Wie konnte es angehen, dass das geduldet war! Aber entschieden war entschieden, man wankte ja nicht im Nachhinein! So wurde der Leiter der Mechanik durch die neue Organisation simpel überrollt, als er dem Steigbügelhalter unterstellt wurde. Nun fraßen sinnlose Sitzungen wertvolle Zeit für das Eigentliche auf. Unsinnsstatistiken und Traumprognosen wurden in teuren Laserdruckfarben auf Hochglanzpapier an die Wände gehängt und niemand nahm den Blödsinn ernst außer dem Geschäftsführer. In der westdeutschen Industrie hatte die Theorie Fuß gefasst, dass Querdenker, wenn sie den Besprechungen versierter Fachleute beiwohnten und queren Gedanken quere Worte folgen ließen, die Spezialisten aus betriebsblindem Routinedenken befreiten. Die Praxis entwicklerischer Tätigkeit enthielt diese Theorie aber nicht und die Qualität queren Denkens taugte nichts, es sei denn, es stammte von jemandem, der entwicklerisches Denken gelernt hatte. Davon waren industrie- und betriebsferne Arbeitspsychologen, deren Theorien ohne technische Entwicklungsvoraussetzungen entstanden, weit entfernt. Technische Entwickler waren ja nicht Anwender der Technik, sondern entwickelten für Anwender. Man hatte nicht erkundet, dass Entwickler, um es zu sein, gar nicht erst in Routine stecken bleiben konnten, sondern kontinuierlich hinzulernen mussten – und wollten. Weltweit stieg der Gang der technischen Entwicklung überproportional an, Mikroelektronik und Fortschritt in der Software sorgten für Wissenserweiterung und Wissensvertiefung, neue Anwendungen verdrängten die alten. Aber Konzernvorstände und Geschäftsführer, denen das Gespür hierfür fehlte, ließen sich von tollen Diagrammen und Prognosen der fachfremden Theoretiker verführen. Dilettanten, die spezielle Fachkenntnisse zu haben sich anmaßten, wurden von den Entwicklern sogleich durchschaut. Sie ignorierten kontraproduktive Queräußerungen, denn sie würden nur Kräfte binden und alles verteuern.
Die Diskriminierung seiner engsten Mitarbeiter durch einen Steigbügelhalter wäre dem alten Geschäftsführer niemals eingefallen. Es gab aber eine Hoffnung: Der neue Geschäftsführer würde bald zum alten werden. Das biologische Alter sprach Bände und seine mit humorigem Blick geäußerten Worte zielten oft und öfter darauf hin.
Alex näherte sich einem runden Geburtstag, seinem fünfzigsten. Ihm zu Ehren hatte der Oberboss die Tradition aufrecht erhalten, in jenem Hotelsaal zum Festabend einzuladen, in dem sein Vorgänger, der alte Geschäftsführer, sich von einhundertzwanzig geladenen Gästen verabschiedet hatte. Viele große Feste waren hier schon zu Ehren vieler Leute gefeiert worden. Launige Reden, ein üppiges Mahl, Getränke der besten Sorten und die Einladung auch der Lebenspartner der teilnehmenden Gäste gehörten zu solchen Veranstaltungen. Das gehörte nun einmal zur Unternehmenskultur. Betriebsbezogene Themen wurden ferngehalten mit Ausnahme der Schilderung persönlicher und pointenreicher Erfahrungen und Erlebnisse. Sie wurden nicht nur in Tischrunden erzählt, sondern auch vor allen Gästen am Mikrofon. Es war auch immer interessant, wieder einmal zu hören, wer mit wem in der Firma liiert war, wer was in der Firma darstellte, wie man mit wem gut auskommen konnte und ob sich weit hergereiste Gäste, Lieferanten und Kunden beispielsweise, in Flensburg wohlfühlten, wo es ja dauernd nur regnete...
„Jean Paul“, erzählte Alex in der Tischrunde, „liebte zum Beispiel Stuttgart nicht, weil es dort ebenfalls nur regnete. Er hätte dort das glücklichste Wesen sein können, wäre er nur eine Krautpflanze gewesen. Hinzu kam, dass die Stuttgarterinnen solche Gesichter hatten, dass die Straßen, worin sie lustwandelten, zehnmal schöner waren. Diese Damen waren anspruchslos in der Kleidung, doch hatten sie so ungeheure Hüte auf dem Kopf, dass ein rückwärts gehender Mann sich gut darunter vor dem Regen hätte schützen können. Ja“, meinte Alex mit diesem Griff auf einen Autor im Wechsel vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, „Regen, miese Gesichter und Fehlentscheidungen von Vorgesetzten verderben alle guten Launen“.
Man stimmte ihm ohne Wenn und Aber humorvoll zu.
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