Aus meiner Philips-Zeit (Beyschlag GmbH)

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Anfang der 1970er Jahre kam Intels erster offizieller Mikroprozessor 4004 auch in das Bewusstsein deutscher Industrie-Ingenieure, doch noch lange nicht wusste jeder Lehrende an Fachschulen und Universitäten von deren Existenz, wahrscheinlich niemand, aber wenn aus privater Initiative doch, dann nicht von der Funktionalität eines solchen Mikrobausteins. Weder gab es Handbuch-Literatur noch ausführliche Lose-Blatt-Unterlagen außerhalb der dem Datenblatt entnehmbaren, rein objektbezogenen Angaben. Wir mussten auf uns gestellt und ausgerüstet mit knappen Herstellerunterlagen versuchen, uns mit einem an der Grundskizze sich orientierenden Kippschalter-Versuchsaufbau schlau zu machen. Der Vorteil, eine Hardware durch unterschiedliche Software-Programme unterschiedlichen Problemlösungen zuweisen zu können, war uns von vornherein klar. Bald war der Intel 8008 zu erwerben, bald der 8080 und andere, doch kam die Firma National Semiconductors mit dem ersten 16-bit-Prozessor IMP-16, kurz darauf mit ihrem PACE heraus, auf den ich mich für umfangreichere Einsatzüberlegungen einließ. Die mnemotechnisch gut strukturierte Assemblersprache des PACE versprach eine verständliche Programmierbarkeit, und so blieben wir bei diesem Baustein, um den herum das universell einsetzbare System Beyschlag-USS bald in vielen Exemplaren entstand.

 

Universelles Steuersystem, Überlegungen.

Man kämpfte um jedes Byte Speicherbelegung. Die Assembler-Software wurde so kurz und effektiv wie möglich geschrieben. Minimierte, störsignalsichere Standard-Subroutinen wurden für den generellen Einsatz archiviert. Beispiel: Dreifach-Statusabfrage externer Eingänge. Zweimal derselbe Status = gültiger Status. Ein Kaufgerät brannte die in den Maschinencode umgesetzte Software in programmierbare Speicher (PROMs), die auf einer USS-Einsteckkarte eingelötet waren. Das alle Steckkarten verbindende Bus-System konnte, wie die Betriebssoftware auch, nur in Eigenentwicklung entstanden sein. Es gab nichts Käufliches.

 

Die ersten Erkenntnisversuche, um Funktionsweisen von Software überhaupt erst einmal verstehen zu lernen, vollzogen Hauke Hansen und ich, woraus sich neben gebotener Ernsthaftigkeit auch manche Erheiterung ergab. In Westerland und Heide arbeiteten wir gemeinsam als Elektronik-Entwickler – ein für das Unternehmen unverzichtbarer Kollege, dem es wegen seines klaren, deutlichen Denkvermögens viel zu verdanken hat. Bald mit den Vorzügen der programmierbaren Hardware-Technik vertraut, ergab sich eine weitere Erheiterung. Beim Rundgang eines hochrangigen Wissenschaftlers aus einem Philips-Forschungslabor, dem wir diesen Vorzug in einem Versuchsaufbau zu verdeutlichen versuchten, betrachtete er den herausgezogenen Mikroprozessorchip zwischen Daumen und Zeigefinger, legte das Ding mit herunter gezogenen Lippen ab, und – indem er sich dem Laborausgang zuwendete – belehrte uns mit dem Worten: „Spielerei. In zwei Jahren vergessen.“

 

Universelles Steuersystem, Näheres

Das vollständig richtige Verstehen der nicht gerade unkomplizierten Inneneinrichtung des PACE-Mikroprozessors kostete mich nicht nur in der Firma, sondern auch zurückgezogen an manchen Abenden zu Hause Hingabestunden, doch der feste Entschluss, den Entwicklungsaufwand für den USS-Prototyp anzugehen, lohnte sich in jeder Hinsicht. Mit einem unverständigen, auch noch misstrauischen Geschäftsführer hätte das Unternehmen viel Zeit verschlafen und manchen fortschrittlichen Zug abfahren lassen, um bei der gewohnten, durch Spezialentwicklung, Bau und Wartung insgesamt teuer und teurer werdenden reinen Hardware zu bleiben. Helmut Düll wollte sich mit Software mehr nicht abgeben, aber er war für aussichtsreiche Neuerungen, die dem Unternehmen Vorteile versprachen, immer zu haben. Da musste er nicht lange überzeugt werden.

 

Die immer noch vorhandene, laienhaft-unwissende Einstellung vieler Konzern- und Unternehmensmanager und deren bildungsferner Führungskräfte in Sachen Elektroniktechnologie, dass in Blech- oder anderen mechanischen Kästen steckender Elektronikkram zur Mechanik gehöre, nahm durch die Erfahrung rein praktischer Anwendungsvorteile bald ab, wenn auch viel zu zögerlich. Mechanik und Elektronik stehen gleichwertig und sich ergänzend nebeneinander, doch können (und konnten) Reaktions- und Ablaufgeschwindigkeiten rein mechanisch niemals mithalten. Die Anwendungsflexibilität softwaregesteuerter Elektronik, das digitalisierte Datenverarbeitungs-, Kommunikations- und Informationsvermögen, die verwaltende Zentralisierbarkeit über Datenbussysteme und vieles weitere war und ist auf rein mechanische Weise nicht herstellbar. Die hierarchische Unterordnung der Elektronik unter die Mechanik war immer ein bekanntes Ärgernis, in der Rundfunktechnik schon früh erkannt.

 

Universelles Steuersystem, Prophilosophisches

Menschlich-vernünftiges Tun dient stets Zwecken (auch inneren). Diese teleologische Grundlage bedeutet Philosophie. Auch in der einfachsten Form enthält ein philosophischer Ansatz oft die beste Methode, um in ein sich erweiterndes Spezialgebiet umfassend einzusteigen. Die schlechteste Methode ist jene, die das ablehnt. Wer „blind“ oder halbwissend mit dem Einfachsten, nur halbwegs Verstandenen zu arbeiten beginnt, ob physisch oder geistig, wird oft den eingeschlagenen irrtümlichen Weg zurückkehren müssen. Hier wird einleitend eine besonders einfache, zulässigerweise noch unvollständige Grundlage erörtert, eine unübliche Denkweise in der Elektronik-Entwicklung.

 

Universelles Steuersystem, realisiertes

 
Das USS als universelles Steuersystem, 1978, basierte auf dem PACE-Mikroprozessor von National Semiconductors Inc. und hausgemachtem Datenbus.
Das Nachfolge-Steuersystem 68000-USS enthielt den 68000-Mikroprozessor mit Datenverkehr über gekauftem VME-Datenbus. Das letzte Gerät Pace-USS arbeitete noch 2018 als Zentralcomputer für die Datenkommunikation zwischen Bedienperson und den mit 68000-USS ausgestatteten Beschichtungsprozessanlagen. 2018 - 1978 = 40 Jahre.

 

Universelles Steuersystem, EinzelkarteAbgleichvorgang, theoretisch

Baugruppenträger dieser Art wurden aufgrund unserer Entwicklungsvorlagen von Peter Sieberling in Glinde bei Hamburg ins Layout gebracht. Wir und er (als Einmannunternehmer) arbeiteten 25 Jahre im besten Einvernehmen zusammen. Die MSM-06 (siehe Philips-Zeit Seite 3) hat er, wie ungezählte andere, auch „gemacht“. Die Jahre der Multilayer-Platinen waren hierzulande noch nicht angebrochen.
 
Es mag einleuchten, dass es von Vorteil ist, eine (Abgleich-) Formel wie gezeigt per Software von einem Computer ausführen zu lassen. Dasselbe Ziel ist auch mit reiner Hardware zu erreichen. Insider wissen, was das bedeuten würde. Die entsprechende Digitalhardware zu entwerfen und aufzubauen, von einer Analoghardware mal ganz zu schweigen, trüge den Entwicklerspaß in sich.