Aus meiner Litton-Zeit

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Coriolis-Kraft

Auf einen Gegenstand, der am Rand auf einer rotierenden Scheibe ruht, wirkt eine von der Umfangsgeschwindigkeit bestimmte Trägheitskraft, die sich bei einem abrupten Scheibenstillstand bemerkbar macht, denn der Gegenstand wird rechtwinklig zur Radiuslinie von seiner Unterlage fortgetrieben (Zentrifugalkraft). Im Scheibenzentrum wäre das nicht der Fall. Bewegt sich der Gegenstand auf der rotierenden Scheibe geradlinig vom Rand aus zur Mitte hin, so treibt ihn die Trägheitskraft in abnehmender Funktion vom geraden Weg in Drehrichtung fort (Corioliskraft). Dieser Vorgang besteht grundsätzlich für jeden bewegten Körper auch im Gesamtsystem der rotierenden Erde und ist bestimmt von ihrer Drehgeschwindigkeit, ihrem Breitengrad, der Objektgeschwindigkeit, seiner Masse und dem Winkel zwischen seiner Bewegungsrichtung und der Drehachse des Bezugssystems. Entdeckt wurde diese Tatsache vom französischen Physiker G. Coriolis (1792-1843). Sie ist in der Flugtechnik bei hohen Fluggeschwindigkeiten von entscheidender Bedeutung.

 

LN3 System

Der Starfighter-Fluzeugführer hatte zum LN3-Trägheitsnavigationssystem über die Steuerungseinheit (Control Unit) und die Ausrichtungssteuerung (Align Control) Zugriff zum versteckten Analogcomputer; die Trägheitsplattform (Inertial Platform) und das Anpassungsgerät zwischen Mechanik und Elektronik (Adapter) waren isoliert montiert. Das Plattformgehäuse enthielt ein Vier-Kardanrahmensystem, in dem die Plattform aufgehängt war, die zwei Hochgeschwindigkeitskreisel, einen X-, einen Y- und einen Z-Beschleunigungsmesser trug – unabhängig raumstabil von sämtlichen Flugzeugmanövern. Die Signale der Beschleunigungsmesser stellten die Ausgangsbasis für alle Berechnungen dar zum Zweck der kontinuierlichen Bestimmung von Position und Kurs über der Erdoberfläche. Dazu musste vor dem Abflug über die Align Control auf ein LN3-eigenes Koordinatensystem eingefahren werden („Gitter-Nord“). Nach wenigen Minuten war der Starfighter innerhalb ± 25° Ost-West-Operationsbereich startbereit.

 

Schuler-Schwingung

Nur wenige Monate nach meiner Einstellung wurde ich mit der Ausbildung und Einweisung neuer Kollegen betraut – eine hohe Anforderung und Herausforderung, und übernahm die Leitung einer technischen Gruppe, 15 Leute, die mit mir im Wechselschichtdienst eingesetzt waren. Drei Schichten arbeiteten rund um die Uhr. Defekte Bauteileträger (einsteckbare Leiterplatten) wurden in der Kartentest-Abteilung repariert. Sie waren auf der Bauteileseite komplett mit Epoxidharz gegen Feuchtigkeitseinfluss isoliert. Auswechseln eines defekten Bauteiles bedeutete sein Herauskratzen aus der hart gewordenen Epoxidschicht. Teure Siliziumtransistoren, Hochpräzisionswickeldrahtwiderstände und weitere elektronische Baukomponenten der ersten Güte versprachen (und hielten) die notwendige Langzeit- und Temperaturstabilität zur sicheren Navigation des Starfighters in allen seinen Manövern.

 

Trouble Shooting

Viele langwierige Testprozeduren bedeuteten im Systemtest großen zeitlichen Aufwand, die Abläufe wurden mit im Teststand integriertem Mehrkanal-Scheibgerät dokumentiert und mussten fachmännisch analysiert werden, um auch jeden Kurzzeitfehler zu entdecken. Bald war es mir möglich, bestimmte Testablaufprozduren ohne Funktionsdefizite auf ein ökonomisches Minimum zu kürzen. Ich verfasste dann ein vielseitiges Handbuch, das System im Fehlerfall betreffend, zum besseren Verständnis der Techniker und der Piloten. Den Teil der mechanischen Ausfallmöglichkeiten trug H. Hertlein bei. Alles das wurde mit mechanischer Schreibmaschine verfasst, im Hause Plath vielfach gebunden und vielfach vervielfältigt und herausgegeben.

 

Herbert Schill, E. Andersem, 1967

Hier befinden wir uns in Freiburg/Breisgau bei Litef, wohin der gesamte Elektronikbereich verlagert wurde – eingeschlossen meine Familie mit mir, dazu einige Fachleute aus Hamburg, die mit der Umsiedlung keine Probleme hatten. Die große Wandtafel zur rechten Hand von H. Schill offenbart Erklärungsaufzeichnungen für neu eingestellte Fachleute, die deutschlandweit durch Werbekampagnen von der Existenz der Litton-Unit in Freiburg erfahren und sich auf die Reise begeben hatten. Das waren mehr, als wir benötigten, aber es waren auch mehr als ernsthaft und notwendigerweise fachlich brauchbar.