Aus dem Privat-Archiv„Modje“ bedeutet syltfriesisch „Großmutter“. Modje Hanna aus Morsum war Vaters Großmutter. Als er mit sieben Jahren die angezündete Zigarette eines Lausbuben an die Lippen führen wollte, nahte eine Nachbarin. Der Glimmstengel verschwand in der Hosentasche und sorgte für ein qualmendes Hosenloch. Von der Nachbarin nach Haus gezogen, war Hannas Stellungnahme: Aber dass er das so schnell schon konnte! Hanna war sehr gutherzig und sehr stark. Ihr Mann, Sehstedt Andersen (1849-1889) aus Archsum, und sie beschäftigten zwei Knechte, die an einem heißen Tag eine Leiter mit angebundenem halben Schwein unter die Scheunenluke tragen sollten. Sie pausierten im Gras und erhoben sich nicht sogleich. So trug Hanna die Leiter selber dahin. Sie zog auch einmal selber den voll beladenen Pferdewagen unter die Luke, denn Pferde, Mann und Knechte waren zu Felde. Klein-„Vater“ war Augenzeuge des Geschehens. Unser Großvater Boy war mit drei Brüdern ein Sohn Hannas. Der Älteste, Reinhard, war Tischlermeister und später Tinnums Bürgermeister. Vater hatte in seiner Werkstatt (mit Stichweg zur Bastianstraße) das Tischlerhandwerk erlernt. Hannas Sohn Peter war Schumacher und starb 1938. Adolf, der Jüngste, kam ums Leben, weil er in den 1960er Jahren zur späten Abendzeit dem vermeintlichen Taxi in den herannahenden Lichterschein trat. Es war ein fremder Wagen mit 100 km/h in Richtung Keitum.

Aus dem Privat-ArchivAls Tischlergeselle ist Reinhard Andersen hinten zu erkennen. In den 1920er Jahren zu Lehrzeiten meines Vaters hatte er als selbstständiger Tischlermeister ein Alter um die 45. Als ich ihn kennenlernte, war er ein alter, brummiger Mann, der mich keines Blickes würdigte – nicht nur einmal, sondern immer, und der sich (für mich immer) in seinem Kontor über die Geschäftsbücher beugte. Er war schon als Lehrherr ohne jede emotionale Zuwendung, ganz zum Gegenteil zu unserem Großvater und zu Adolf, der eine besondere Wärme ausstrahlte. Großonkel Peter konnte ich nicht kennenlernen, dafür seinen Sohn Karl, Schuhmachermeister, und dessen Frau Dora, geb. Sieck, und deren Kinder Siegrid, Petrie, Karl und Hauke – in zweiter Linie Cousinen und Cousins zu meinen Geschwistern und mir. Siegrid (1926-2009) heiratete Ernst-Wilhelm Stojan (1926-2018), der sich kommunal- und landespolitisch engagierte. Beide unterrichteten in Schulen, beide widmeten sich mit Hingabe der „Lebenshilfe“ auf Sylt. Zu Siegrids 80. Geburtstag waren meine Frau Barbara (1942-2006), geb. Ahlborn, und ich am 21. Februar 2006 eingeladen.

Aus dem Privat-ArchivFlensburg 30.5.10 2-3 V. An Familie Boy Andersen Westerland Sylt Gartenstr. Eingang von hinten
Vom besten Wohlergehen sendet Euch allen die herzl. Grüße Reinhard. Jetzt seid Ihr wohl bald wieder alle nüchtern, sodaß man mal wieder ein vernünftig Wort mit Euch sprechen kann. Vor heute abend habe ich keine Zeit mehr, aber in 10 Tagen werden wir uns mal wieder sprechen. Wie geht's Anni und Ewald. Kann er nicht bald mal schreiben. Morgen ist schon 1 Tag verflossen seit meiner Abreise. Der 2te wird's auch wohl arg werden. Die Karte ist bald ein bischen klein, hätte Euch noch allerlei mitzuteilen, aber wollen wir das bis dahin warten lassen. Bruder Adolf Grüße.
 –  Am 30.5.1910 war Vater Ewald noch vier Jahre alt, erst am 18.11. wurde er fünf. Schwester Anni war bereits 10. Vor Schulbeginn schon schreiben können zog sich hier und da durch die Familie.

Aus dem Privat-ArchivWohl 25 Jahre später mag dieses Feuerwehrleute-Foto anlässlich einer Ehrung entstanden sein mit dem Großvater 3. v. li., obere Reihe.
Der von ihm verfasste, amtlich beglaubigte Vertragstext mit seinem Sohn zum Zweck dessen Hausneubaus lautet so: 3,- RM Urkundensteuer in Mark entwertet, Westerland, den 10. August 1936, Clausen. Verpfändungs=Erklärung, Nachlass= und Verpflegungsvertrag. Infolge meines Alters habe ich heute mit meinem Sohn, den Tischler Ewald Andersen in Westerland folgendes vereinbart. Meine gesamten Nachlaßsachen an Inventar Geld und Wertgegenständen, sowie der gesamte Erlös aus meiner Erbschaft der verstorbenen Maria Andersen in Archsum geht mit dem heutigen Tage in den Besitz meines Sohnes über. Demgegenüber verpflichtet sich mein Sohn mir bis zu meinem Ableben, freie Unterkunft und Verpflegung zu gewähren, weitere Ansprüche dürfen von beiden Parteien nicht gestellt werden. Vorstehendes wird durch eigene Unterschrift beiderseitig anerkannt. Westerland den 10. August ... – Knapp, eindeutig, besser geht's nicht.

Aus dem Privat-ArchivDabei hätte Großvater Boy Andersen sein Haus Gartensraße 5 (hier 1935) in Westerland (Alt-Westerland) nahe der Dorfkirche St. Niels nicht durch Bürgschaft verloren, wäre ihm die bleibende Geldnot seines Freundes klar gewesen, so dass der Wechsel nicht unterschrieben worden wäre. Nun aber ging das Anwesen an die Sparkasse, da der Wechsel nicht termingemäß eingelöst werden konnte. Dann war Tante Maria Andersen aus Archsum, Pfauenhof, kinderlos, hochbetagt gestorben. Zur Goldmarkzeit hatte sie überraschenderweise 24.000 Mark in der Lotterie gewonnen. Das Geld war ihr vom Geldbriefträger des Postamts Westerland per Fahrrad zugebracht worden. Beträge dieser Größenordnung lagen weit außerhalb ihres täglichen Bedarfs, die waren ihr völlig fremd, und sie hatte den ursprünglichen Einzahlbetrag wohl auch vergessen. Nun zählte ihr der Postbeamte plötzlich viele Münzenstapel je 10 × 20 Goldmark auf den Küchentisch, und viele Scheine folgten und das dauerte. Endlich wurde der brave Mann unterbrochen (in friesischer Sprache, die Marias erste Sprache war): Ist genug, den Rest kannst du behalten, denn da parkten schon 20.000 Mark auf dem Tisch. Den Rest beförderte der Beamte (vielleicht verstohlen um sich schauend) in eine seiner Uniformjackentaschen. Nach einem Glas Rotwein ging es per Fahrrad zurück zum Postamt im Inselhauptort – da war nun einer unversehens, wenn auch rechtlich anfechtbar, aber doch ganz heimlich und ganz für sich allein um ein gutes Stück Geld reicher geworden. Glaubt keiner? War so.