Eine Sylterin, Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, deren Eltern ein weitbekanntes Pelzfachgeschäft an der Friedrichstraße betrieben, stellt in ihrem Buch einen prägnanten Teil aus der jüngeren insularen Geschichte vor und beschreibt mit deutlichen Worten vielfältig-nachteilige Tatbestände der Landschaft, Kultur, Einwohnerschaft und des Heimat- und Wertebewusstseins infolge Sinneswandel und Paradigmenwechsel. Zunächst breiten sich zügig erzählt vor der Leserschaft kindliche Erfahrungen in familiärer und nachbarschaftlicher Innenstadtnähe aus, verbunden mit zunehmendem Unternehmer- und Geschäftsleutestress und dem Zuwachs radikaler innenstädtischer baulicher Veränderungen, dann jugendliche Erlebnisse aus den junge Menschen besonders prägenden 1970ern, umgeben von maßlosen Investorprofitsüchten und leichtfertigen Zulassungen insularer Landschaftszerstörung, zuletzt erwachsene Kenntnis, aus der die sprachgewandt-klare Kritik der Autorin am status quo der gesamten Inselsituation rücksichtslos deutlich wird. Begegnungen mit bundesweit prominenter Kundschaft im elterlichen Pelzgeschäft machen einige Erzählungen sicherlich für viele Leser und Leserinnen besonders interessant, doch der wirkliche Wert des Buchwerks besteht aus dem starken Hinweis darauf, dass der Verlust nicht nur die Syltnatur betrifft, sondern wegen hoffnungslos überteuerter Grundstückspreise auch jene echten Sylter, die, um Multimillionären Platz zu machen, sich auf dem fernen Festland niederließen und niederlassen müssen und vom Deich aus ihre Heimatinsel am fernen Horizont erkennen können oder sie dort zu erahnen wissen.

Zu Susanne MatthiessenUnter den Bauformen des Erzählens kann dieser Roman wohl als kritischer Gesellschaftsroman eingereiht werden, doch die vorliegende Großform der Erzählkunst in Prosa zeigt sich vor allem als ein Familienroman aus Sicht der Autorin, deren Ich-Perspektive der Leserschaft weder Ersatznamen statt zutreffender Personennamen noch Ersatzereignisse statt wirklicher Geschehnisse vorgibt, ohne Rücksicht auf womöglich sich einstellende Proteste und wortgewandt aus eben kühl-journalistischer Beobachtungsdistanz. Dass der Opa dem Enkelkind mal eben im Kabuff stirbt, fertig, bleibt dem Leserschaftsgefühl überlassen. Kleinigkeit, es ist ein wertvolles Buch aus einer Sylter Generation, deren syltgeborene oder syltheimatliche Eltern- und Vorelterngeneration aber nicht aus der Kindheit die 1960er Jahre und aufwärts mit unguten Gefühlen und tiefgreifenden Erfahrungswerten erlebte, sondern in gut begründeter Voraussicht, dass die bestehende pseudofortschrittliche Kommunal-, Kreis- und Landespolitik noch weiter in tiefere und irreparable Nachteile für Inselnatur und Inseldauerbewohner führen wird. Großinvestoren und verkauffreudige Haus- und Grundeigentümer zielen dagegen auf die Chance ein- oder mehrmaliger Bereicherung. Ich gehöre der Sylter Elterngeneration an und weiß darüber genug. „Ozelot und Friesennerz“ möge zur Syltrettung beitragen, zur letztmöglichen überhaupt. Es gibt noch eine allerletzte Aktivbastion, doch die Erwähnung der Losinteressentenschaft Kampen habe ich auf keiner Buchseite gefunden. Die Losinteressentenschaft stellt sich gegen die Macht des Geldes und verteidigt den Erhalt ihrer noch vorhandenen Naturlandschaftsgebiete zwischen Kampen und dem Klappholttal. Das reicht leider nicht bis nach List, Morsum oder Hörnum.

Valeska, die Hexe aus KampenDie Autorin beschreibt Valeska Gert als eine einundachtzigjährige Schreckensalte, die auf der Insel nur „die Hexe“ genannt werde und ein berüchtigtes Nachtlokal in Kampen betreibe. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man, wie ich (als „Alex“), Valeska zwei Dutzend Jahre vorher kennenlernte und nicht nur als Erscheinung, sondern als eine weltansichtige, künstlerisch-eigensinnige, Spießbürgertum ablehnende Frau, deren letzte Lebensaufgabe es war, in ihrem ganz unberüchtigten, jedoch von Sylter kulturfernen Einwohnern gemiedenen „Ziegenstall“ von zwei oder drei jungen Darstellerinnen kabarettistische Einlagen vorführen zu lassen, bisweilen von ihr ergänzt, und alles das zwischen Sekt und Gesprächen im Publikum, darunter allerlei allgemein bekannte Prominenz, worunter sich manch gutes Gespräch entwickelte und ergab. Den ersten Fuß-Ein- und Ausschalter an ihrem Schwarzweiß-Fernsehgerät baute ich ihr ein. Aus dem Roman „Kein verschwendetes Jahr“ mag man sich ein paar Textausschnitte zu Gemüte führen. Die erste und von ungezählten „Berühmtheiten“ immer wieder aufgesuchte Schallplattenbar gab es im Radio- und Fernsehgeschäft Günter Schröter (nicht Elektroladen) und nicht bei Herbert Godbersen, wo Schallplatten nur nebenbei verkauft wurden. Mein Beruf brachte viele Kontakte in Kampen mit sich, ob in Palästen unter Reetdach oder in Lokalen bei Ententanz und Twist mit Leuten am Tisch, die sich weder prominent noch abgehoben benahmen, dafür in gelockerter und gesprächsbereiter Naturlaune.
Die Konzentration der Autorin Susanne Matthiessen auf ihre eigenen Erlebnisse, Einsichten und Erkenntnisse ist verständlich, auch wenn sie hier und da auf entlarvende Ansichten der „Generation zuvor“ zurückgreift, die dem innerstädtischen Denken der Geschäftsleute ganz gut entsprechen, ob es sich nun um Fritz Krause, Uwe Volquardsen, Peter Wahrig, Hauke Hoppe, Harry Kress, Kurt Hirschberger, Horst Steinkrauß, Antje Preziosi geb. Funke, Horst Karstensen, Dr. Joachim Quäck, Dr. Siegfried Fenger usw. usw. handelt, die ich sämtlich gut kannte, die aber wie ich nicht allein „die Sylter“ repräsentieren, deren Zahl damals um zwanzigtausend lag.

Valeska Gerts ZiegenstallOzelot und Friesennerz ist autobiografisch verfasst, Kein verschwendetes Jahr ist aus guten Gründen nur stark autobiografisch durchsetzt, so dass der Autor sich Alex nennt, sein Bruder, der zugleich der Autor ist. Kann man so machen, um die eine oder andere charakterisierte Person, noch existierend oder nicht, zu schützen. Prominenz wie Valeska Gert, Werner Höfer und andere, bleibt ungeschützt, weil es „so war“. Darf man machen. Die Sylt-Problematik zu beschreiben war hier nicht das Ziel. Das findet auf diesen web-Seiten unter dem homepage-Kapitel SYLT statt, so beim Wettbewerbssieger-Ausflug, so bei den Erinnerungen an die eine oder andere Sylter Pers√∂nlichkeit. Dazu gehört Günter Schröter, in dessen Laden nicht Soraya erschien, dafür Politiker, Wirtschaftler, vor allem Künstler von A bis Z, soll heißen von Lale Andersen über Mona Baptiste, Götz George, Freddy Quinn bis hin zu Helmut Zacharias usw., aber war das Günter Schröters Ruf? Nein, der lag im Kundendienst am Einwohner, wo Antennenmasten aufgebaut, Kombischränke ins Haus geschleppt, deren Apparate und Geräte in der Werkstatt repariert und eingestellt wurden – hohe Zeit in den 1950ern/1960ern, noch weit von Spaß- und Wegwerfgesellschaft entfernt, aber doch bald, analog dem Pelzgeschäft, der Auflösung nahe. Hier die Abwendung der Kundschaft, dort die Ablösung durch den technischen Fortschritt.
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