Ein Sylt-Tag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Durch den Bau von Kögen erreicht der Mensch Landgewinnung. Dem Küstenschutz dienen Sandaufspülung, Deich- und Buhnenbau sowie das Aufstellen von Tetrapoden, das sind 4 Tonnen oder achtzig Zentner schwere Vierbeiner aus Stahlbeton, die ineinanderhaken und immer wieder auf drei Beinen stehen, wenn sie von der Brandung umgestoßen werden, um trotzdem dabei deren Kraft zu brechen. Wenn wir über die Kurpromenade gehen, wollen wir uns die Tetrapoden von weitem ansehen. Ihr Nachteil ist, dass, wie bei Hörnum, der Sand, auf dem sie stehen, hinter ihnen oft von Sturmseen ausgehöhlt wird.

Kliffabbruch in 50 Jahren 75 Meter, Abbruchkante heute vorm Anbau, rechts im Bild. Für Sylt gibt es keinen dauerhaften Schutz, weder einen künstlichen noch einen natürlichen, und den wird es auch niemals geben können. Die kühnsten, phantasiereichsten, teuersten Maßnahmen können Landverluste zwar verzögern helfen, doch nicht auf Dauer verhindern. Oft schaden sie sogar. Die Nordsee holt aber nicht nur, sie fördert zuweilen auch Sand vom Meeresboden auf den Strand und baut diesen wieder auf.

Leider ist die Bilanz negativ. Manche von Menschenhand durchgeführte Maßnahme beschleunigt diese Negativbilanz sogar, weil eine genaue und detaillierte Berechnung kommender Veränderungen durch Stürme und Strömungen unmöglich ist. Das sage ich ganz nüchtern, vielleicht, weil ich in meinem Hauptberuf ein nüchterner Ingenieur bin, der Nüchternheit dort, wo sie naturgemäß gegeben ist, anzuerkennen gelernt hat – nur so ist sie realistisch zu begreifen. Jährliche, teure Sandaufspülungen an neu entstandenen kritischen Stellen haben sich bisher als die beste Schutzmaßnahme erwiesen. Gegen die Wucht der Wellen ist die Westerländer Kurpromenade anfällig.

Nach mehrfachen Einstürzen gab es Versuche mit Uferdeckwerken durch schräglaufende Basaltsteine zum Auslaufen der Brandungswogen, wobei unterschiedliche Steinhöhen zur Zersplitterung der Sturzseen beitragen sollten. Dem Angriff durch Brandung und Wind ist Sylt am meisten von allen Nordseeinseln ausgesetzt. Am Ellenbogen, bei Kampen, nördlich von Westerland, bei Rantum und bei Hörnum ist die Durchbruchgefahr nach wie vor akut. Sylt befindet sich, wie wir wissen, zwischen zwei Wasserwelten, der Nordsee- und der Wattenmeerwelt. Die Meere unterliegen unterschiedlichen Strömungen, den Gezeiten(Tiden)-, den Drift- und den weniger bedeutenden Restströmen (Golfstrom). Die Vertikalbewegung des Meeres, hervorgerufen durch Masseneinwirkung vom Mond und, hiervon etwa zur Hälfte, von der Sonne, nennt man Tide. Der Tidenhub beträgt bei Wilhelmshaven rund 4, bei Hörnum 2, bei List 1,6 bis 1,8 Meter. Der Salzgehalt der Nordsee liegt bei 3,4% (das Rote Meer hat 4, die Ostsee im Mittel 1%).
Die höchste Nordseebrandung gegenüber den Nordseeinseln steht vor Sylt. Um List und Hörnum vertiefen die Ströme das Wasser bis zu 45 resp. 25 Meter nah zur Uferkante. Laufend verändern sich die Uferbodenverhältnisse. Flut bringt einen Sedimenttransport in Richtung Festland, Ebbe bewirkt eine Abtragung des Insellandes (Erosion). An der Hörnumspitze (Hörnum Odde) sind bis zu 30 Meter Tiefe Landverlust durch einen einzigen Orkan festgestellt worden. Die normale Frequenz der Wellenbrandung vor Sylt liegt bei 9 Wellen pro Minute, bei Ostwind 15; bis 8 Meter Wellenhöhe plus Tiefe ab tiefstem Wellentalpunkt sind zu beobachten. Seit Protokollführung 1788 gab es bis 1923 202 Schiffstrandungen, danach strandeten Schiffe wegen Seezeichen und Funknavigation nur noch selten. Auch Eisgang bewirkt Küstenveränderung.

Hörnum-„Spitze“ durch Sturmbrandung bereits verformt. Foto: Möglicherweise Sylter Rundschau

Vor 1927 gab es einen Eisbootdienst zur postalischen und sonstigen Versorgung der Bevölkerung. Das Boot wurde von Männern der Insel über Eisschollen geschoben. Das endete 1927, als der Hindenburgdamm fertiggestellt war. Im Winter 1946/47 war die Nordsee mehr als 110 Kilometer nach Westen hin vereist – es gab einen eindrucksvollen Polarmeereindruck. Ich habe diesen als neunjähriger Junge miterlebt und eindrucksvoll in Erinnerung. Die Schiffsstrandungen, wenn es einmal eine gibt, werden heutzutage von vielen Augen und Kameras beobachtet. Niemand könnte dort plündern oder gar morden. In sehr alten Zeiten ging man zum Strand und steckte auf heimtückische Weise ein Feuer an, das, im Gegensatz zum Licht des Kampener Leuchtturms, die Seeleute auf den Strand von Sylt oder Amrum zusteuern ließ, um Schiffsstrandung zu provozieren. Man erschlug die Fremden und zog mit deren Hab und Gut und mit der Schiffsladung frohgestimmt nach Hause. Später begann man, unbekannte Strandleichname auf dem Friedhof der Heimatlosen zu bestatten. Den gibt es in Westerland noch heute. Auf Sylt und auf den anderen Inseln war – wenn auch nur langsam – so etwas wie Mitmenschlichkeit eingekehrt.
Nordsee und Landschaft sind das bedeutendste Kapital für den insularen Fremdenverkehr. Wyk auf Föhr wurde 1819 der erste Badeort in Nordfriesland, Westerland folgte 1857 durch den Hamburger Arzt Dr. Ross. 1859 gab es 470 Badegäste, um 1900 8.000, 1938 30.000. 1905 wurde Westerland Stadt. Wenningstedt feierte 1959 100 Jahre Bad. Kampen wurde Badeort durch Künstler, die sich dort zur Jahrhundertwende erholten und auch arbeiteten. Rantum, List, Hörnum folgten als Badeorte nach dem Zweiten Weltkrieg, Keitum, Archsum und Morsum 1958, Tinnum 1960. Alle Inselorte sind somit Badeorte. 1950 gab es 64.000 Badegäste, 1970 150.000 entsprechend 2 Mio. Übernachtungen, mit Kinderheimen, Jugendlagern mehr als 2,5 Mio. Es milliont sich wieder einmal kräftig.
Käme jedes Jahr einer dieser Gäste für nur eine Übernachtung, so hätte der erste Gast mit seinem Urlaub im Tertiär anfangen müssen. 1960 wurden etwa 40.000 Kraftfahrzeuge über den Hindenburgdamm transportiert. Sylt steht dennoch klimatisch-gesundheitlich mit an Deutschlands 1. Stelle. Aber wie sieht es morgen damit aus? Wird man den Zuwächsen der Touristenzahl Einhalt gebieten? Jodhaltige Luft, sogenanntes Aerosol, Sonne und der bildhauerisch und zeichnerisch wirksame Wind, Salzwasserbad und Notwendigeit der Bewegung in der Brandung sowie geistige Freiheit sind medizinische Faktoren, und auch Meerwassertrinkkuren, Sport und Strandgymnastik, Luft- und Sonnenbad, Strandwandern und das positive Empfinden in der Gruppengemeinschaft. Hoffen wir, dass das alles im planerischen Griff bleibt und nicht durch Totalüberforderung in Rückläufigigkeit mündet, deren „Geisterstadt“-Folgen noch schlimmere wirtschaftliche und private Folgen nach sich ziehen würden.

1919 hat der Hamburger Arzt Dr. Knud Ahlborn ein Barackenlager der Wehrmacht des Ersten Weltkrieges im Klappholttal, nördlich von Kampen, vor dem geplanten Abriss zum Jugendlager, dann zum Kindergenesungsheim um- und ausbauen lassen, gelegen in der Dünenlandschaft auf halbem Wege nach List. Knud Ahlborn war auch ein engagierter Naturschützer, der den heilsamen Reichtum der Sylter Landschaft und des Meeres erkannt hatte und gegen Verletzungen dieser Schätze kämpfte.

Das Baugebiet „Sonnenland“ an der Blidselbucht, obwohl mitten im Naturschutzgebiet gelegen, konnte Knud Ahlborn nicht verhindern. Das Geld der durch Investoren herangezogenen Kapitalmillionäre war um ein Vielfaches mächtiger als seine stichhaltigen Argumente. In der Landeshauptstadt Kiel, wo letztlich die Genehmigung stattfand, waren die Behörden den verschlungenen Machenschaften der Baulöwen nicht gewachsen.

Dr. med. Knud Ahlborn (re.) mit Bundeskanzler Willy Brandt auf Sylt.
August 1971.
Wir werden auf der Fahrt nach List das „Sonnenland“ sehen und wie durch genehmigte Vielfach- millionen- objekte die urwuchs- natürliche, Insekten anziehende und heimische Flora fördernde Heide- landschaft durch triste, landschafts- fremde Grüngras- anlagen missbraucht wird. Ein Großbauherr und gewählter Lister Bürgermeister strauchelte über seinen Betonklotzbau am westlichen Schlei-Ufer in Schleswig und verschwand aus List auf Nimmerwiedersehen. Die Lister Kommunalvertreter hätten dem Mann noch gerne weitere Flächen geopfert, aber seine landschafts- und naturfeindlichen Visionen scheiterten nun in Kiel. Das „Sonnenland“ aber gibt es noch, der Häuserwert hat sich längst in horrende Preise vervielfacht.

Sylt – die Insel, bei der das Zählen erst bei einer Million beginnt? Gleich darunter ist Null? Nein, es gibt auch das andere Sylt, das natürliche, das schöne, das erholsame, reizvolle, gesundmachende Sylt. Es gibt nicht nur das geschundene. Es steht ja an, dass meine Frau und ich in absehbarer Zeit, 1999, dort wieder hinziehen werden. Würden wir das tun, wenn es nur das geschundene Sylt gäbe? Und viele lautere, ehrbare Menschen gibt es dort, fern allen egoistischen und vorteilssuchenden Leuten, denen Sylt als Naturgeschenk egal ist.
Die Pflege der Dünen, Heide, Flora und Fauna war Dr. Ahlborn – übrigens Großvater meiner Frau – äußerst wichtig. Regelmäßige Dünenbepflanzung mit Helm – seine Wurzeln reichen in 6 Meter Tiefe – gibt es seit 1790. Im Sande gedeihen neben dem Helm Binsenweizen, Strandhafer, Salzmiere, Strandroggen, Kriechweide, Dünenrose (Rosa pimpinelli folia), Strandquecke, Meerstrandwinde, Meerstrandaster, Stranderbse, Stranddistel usw. Die Heide birgt Krähenbeere, Erika, vergesellschaftet mit Algen, Moosen, Thymian, Sandveilchen, Stiefmütterchen, kleinem rundblättrigem Wintergrün, Arnika, Lungenenzian, geflecktem Knabenkraut, Sonnentau, Bärlapp, Flechten, Stechginster, englischem Ginster usw. Im Watt gibt es den Queller, auf den Wiesen die Statize, Grasnelke, rundblättrige Glockenblume, Andelkraut, Strandnelke, Bergnelke, Meerstrandmilchkraut, Sumpfveilchen, gemeines Fettkraut, Königsfarn, Habichtskraut, Gänsefingerkraut, echtes Labkraut, Mauerpfeffer usw. Vom Meer her gibt es vielerlei formschöne Braun-, Grün- und Rotalgen, Seegras sowie Knoten- und Blasentange usw. Vieles steht unter striktem, inzwischen auch verbessertem Naturschutzgesetz. Wie lange haben wir trotzdem noch diese Schätze?
Die Tierwelt gliedert sich in Wasser- und Landtiere. Das Morsumkliff und das Wattenmeer gaben Rothirschgeweihe und Eberzähne frei. Im Wasser zeigen sich feinste und kleinste Gebilde als Plankton, als Blumentiere (Seenelken), als Quallen aller Arten, als Würmer, Seeigel, Seesterne, Krebse, Garnelen, Schnecken, Muscheln, Fische und Robben. Auf dem Lande gibt es Mikroorganismen der unterschiedlichsten Biotope, Insekten, Vögel und Säuger. Im und am Meer finden wir Scholle, Flunder, Seezunge, Steinbutt, Hering, Makrele, Dorsch, Aal, Hornfisch, Einsiedlerkrebs, Klaff- und Miesmuscheln, bei Hörnum die Koralle Adcyonium digitatum, usw.
Auf Sylter Inselland wurden über 366 Arten von Großschmetterlingen und 223 Arten von Kleinschmetterlingen entdeckt, 25 Hummelarten usw., Vögel beherrschen das Landschaftsbild. Charaktervögel sind Silbermöwe und Feldlerche. Das 1.600 ha große Listland war früher durchgehend Vogelbrutgebiet, heute nisten auf den seewärtigen Dünen tagsüber Touristen zwischen Dünenrose und Stranddistel und brechen miesgelaunt die seltenen, unter strengem Naturschutz stehenden Pflanzen ab, weil sie pieken, oder reißen sie heraus, weil man sich im heißen Sand in voller Länge aalen und von der Sonne verbrennen lassen will. Aber es gibt – neben all den zahlenden Kurgästen – auch noch Seeschwalben, Brandenten, Austernfischer, Eiderenten und vieles mehr zu beobachten, und es gibt deswegen auch noch viele interessierte Gäste, denen aktiv gestaltete Urlaubstage die erholsamsten Urlaubstage sind.
Das Rantumer Becken ist ein weitläufiges Vogelgebiet. Wir können es im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Zeit leider nicht besuchen. Man sieht dort Säbelschnäbler, Alpenstrandläufer, Rott-, Stock-, Spieß-, Pfeif- und Krickenten, Gänse und viele andere Arten, mehr als fünfzig. Das typische Hausnutztier ist das Schaf, gebietsweise das Rind, das typische Spaßtier ist das Pferd. Hunde nehmen heutzutage auf Sylt – als Wohlstands- und Modesymbol – überhand wie anderswo auch. Sie werden kaum noch artgerecht gehalten. Das Schaf hat auf dem Listland „Vorfahrt“, heutzutage infolge der Verkehrsdichte nur noch eingeschränkt. Das Listland ist Privatbesitz und gehört einer zahlreichen Erbengemeinschaft. Es ist ein Vergnügen, die putzmunteren Lämmer im Frühjahr zu beobachten, wenn sie, mit allen Vieren zugleich, aus Übermut in die Höhe springen. Sylter Schafswolle gilt als eine erstklassige Ware.