Korrespondenz mit einer Fachzeitschrift (2002)
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An die xy-Redaktion.
Betreff: Fachterminologie in Ihrer Zeitschrift
Generell zu Ihren Texten:
Warum verwechseln Sie ständig site (Platz) mit Seite, homepage (Ausgangs-/Startseite zu weiteren pages) mit web site (eindeutig adressierte Stelle im web, auf der pages Platz finden)? Oder Heft z/2002, Seite ab unten links: „Die Navigation einer Seite...“ – eine Seite navigiert nicht, der Besucher einer web site muß sich selbst zu den Seiten der site führen können (Navigation). Ich könnte fortfahren. Ihr seid doch Fachleute, die sich in der Nomenklatur präzise auszukennen haben. Nichts für ungut, ich lese Sie sonst zum größten Teil gern. Erich R. Andersen
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Hallo,
natürlich haben Sie grundsätzlich Recht mit Ihrem Hinweis. Andererseits unterliegt Sprache einem grundsätzlichem Wandel (siehe Augst, Gerhard: „Sprachnorm und Sprachwandel“). Dieser ergibt sich vor allem durch den Gebrauch der Wörter durch Sprecher. Die Semantiker, die die Gebrauchstheorie der Bedeutung nach Wittgenstein verfolgen, sagen daher wie auch Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Und dieser Sprachgebrauch ist in vielen Fällen weiter als der in der Fachterminologie (siehe auch dazu Abhandlungen von Hundsnurscher etc. „Über den Fachsprachen-Diskurs“). Natürlich können Sie auch gegen den Gebrauch, den Sie monieren, ankämpfen. Das ist aber als Einzelsprecher gegen eine Sprachgemeinschaft verdammt schwierig. Daher wünsche ich Ihnen viel Erfolg und sende Ihnen viele nette Grüsse aus München, X. Y., Redakteurin
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Hallo Frau X. Y.,
danke für die angenehm-locker-flockige Reaktion. Ein paar Bemerkungen nur noch.
> Andererseits unterliegt Sprache einem grundsätzlichem Wandel Richtig, aber als Ausrede für Nachlässigkeit ist das nicht gemeint.  
> „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“  Wittgenstein legt Wert auf Wortbedeutung = Gebrauch als Verständigungsmittel und er sagt mit Recht, daß viele Probleme sich aus der sprachlichen Verwirrung ergeben (sic!). Also
w a s  für ein Gebrauch, das ist es.
 
> Natürlich können Sie auch gegen den Gebrauch, den Sie monieren, ankämpfen. Das ist aber (...) gegen eine Sprachgemeinschaft verdammt schwierig. Eine Redaktion (jeder Art) soll sich ihrer „zweiten Verantwortung, nämlich der für Sprachpräzision“ (nicht -pflege!) stets bewußt sein und sich nicht dem Sprech-, also Denkmittelmaß „des“ Rezipienten unterwerfen (ich verzichte hier darauf, auf Sprach- und Textwissenschaftler etc. hinzuweisen, lediglich auf die Sprechakttheorie, basierend auf Austin und Searle).
Kurz und gut: Teilen Sprache verbreitende Institutionen wie beispielsweise Ihre Redaktion sich nur „unscharf“ mit, so stellt sich von außen der „Ruch des Dilettantischen“ ein. Das ist so, ob berechtigt oder nicht. Mehr wollte ich nicht, und ich grüße Sie von „ganz oben im Norden“.
 
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Hallo Herr Andersen,
> danke für die angenehm-locker-flockige Reaktion Danke und dasselbe zurück.
> Wittgenstein legt Wert auf Wortbedeutung = Gebrauch als Verständigungsmittel und er sagt mit Recht, daß viele Probleme sich aus der sprachlichen Verwirrung ergeben (sic!) Dem kann ich nur zustimmen, andererseits kommt die sprachliche Verwirrung nicht zustande, wenn beispielsweise die Bedeutung von site – oder was auch immer – in einer Äußerung (rede hier absichtlich nicht von Satz: Denn was ist ein Satz? [da sind wir schon wieder beim nächsten Problem] ), in einem Kontext klar ist.  
> Also  w a s  für ein Gebrauch, das ist es. Dito, aber die Bedeutung ergibt sich durch die Äußerungsebene, Kontext.  
> Teilen Sprache verbreitende Institutionen wie beispielsweise Ihre Redaktion sich nur „unscharf“ mit, so stellt sich von außen der „Ruch des Dilettantischen“ ein. Das ist so, ob berechtigt oder nicht. Das habe ich auch von vornherein so verstanden
;-), also viele Grüsse von ganz unten im Süden. 
 
Was repräsentiert diese Korrespondenz? Eigentlich etwas allgemein Bekanntes.
Institutionen aller Art mit sprachlicher Multiplikatorfunktion laufen der umgangssprachlichen Verwässerung (Verflachung) hinterher und beschleunigen auf diese Weise die Zunahme von Mißverständnissen mit ihren sozialen (und damit psychologischen) negativen Folgen.
Die Möglichkeit wird ignoriert, daß mit dem Angebot von Sprachpräzision (der geäußerte Begriff trifft präzise den gemeinten Begriffsinhalt) in vielen Menschen ein differenzierendes Denken in Breite und Tiefe zu erreichen ist. Ohne Vorlage, trotz latenter Fähigkeit beispielsweise infolge verspäteter Entwicklung des Intellekts, bleiben die „internen Welten“ des Einzelnen auf flachem Niveau, tiefer noch gehalten dadurch, daß der (eigentlich überflüssige) subjektive Interpretationsaufwand (das Herausarbeiten des Gemeinten nicht nur aus dem Begriff, sondern auch noch aus dem Kontext) höchstens zu einer Verständnisschnittstelle, nicht aber zur Verständniskongruenz führt.
Differenzierendes Denken füllt den Wortschatz und fördert die Verständigung und damit das Verständnis (auch gegenüber Fremdem), vordergründiges Denken ohne „eine Welt hinter dem geäußerten Wort“ erhält Gleichgültigkeit oder bekämpft Erweiterung.
Neu ist das alles aber nicht.
Sprachpräzision und Purismus sind zweierlei, die Sprachpräzision wendet sich nicht gegen den natürlichen Sprachwandel, der Purismus versucht es – und darum bin ich nicht Purist.