Rudolf Steiner
Eine kleine Stellungnahme
 
Die erste Aussage hierzu: Allen Menschen, die ihren Intellekt benutzen, um uneigennützig „den Wirklichkeiten der menschungemachten Welt und den diesen Wirklichkeiten zugrunde liegenden Voraussetzungswirklichkeiten“ auf die Spur zu kommen, zolle ich meinen hohen Respekt. Meine Textkritik orientiert sich an der Textaussage und richtet sich nicht gegen die Persönlichkeit eines Menschen.
Rudolf Steiner
„Will ich Aufklärung über das Verhältnis zwischen Bewußtsein und Denken haben, so muß ich darüber nachdenken – ich setze das Denken damit voraus“, sagt Steiner (1861-1925), „aber der Philosoph sagt: das Denken entsteht innerhalb des Bewußtseins und setzt also dieses voraus“. –
Aber ich denke doch über das Verhältnis nach und mein Nachdenken setzt beides voraus: Bewußtsein und Denken. Das Verhältnis gibt noch nichts her von „jenem an sich“, was wir Denken und Bewußtsein nennen.
„Würde diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben, der das Denken schaffen will,“ so fährt Steiner fort, „dann wäre sie berechtigt, aber dem Philosophen handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern um das Begreifen derselben. ... Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sicheren Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann“. –
Muß „der Weltschöpfer“ nach einem Träger für das Denken suchen (er braucht also etwas, er ist abhängig), so sagt das vollkommen richtig aus, daß das Denken einen Träger braucht (ohne „Träger“ kein Denken).
Hat Steiner unbeachtet gelassen, daß allem Wissen, allem Schaffen und Suchen das Denken immanent ist, daß „der Weltschöpfer“ folglich Denken nicht schaffen kann, weil er zum Schaffen wie zum Suchen und zum Wissen bereits denken muß; ferner, daß zum Wissen, Schaffen und Suchen Zeiträumlichkeit benötigt wird, damit (irgendwo irgendwann) Wissen überhaupt sein kann, und damit (im Nacheinander verschiedener Irgendwos und Irgendwanns) überhaupt geschaffen und gesucht werden kann – daß also alles Wissen, Schaffen und Suchen anderem untergeordnet ist, sich folglich nicht selbst genügen kann?
Steiner hat unbeachtet gelassen. Steiner hat auch unbeachtet gelassen, daß ein „Weltschöpfer“, um überhaupt sein zu können, zum Da-Sein Zeiträumlichkeit braucht, sich also nicht selbst genügen kann, infolgedessen „das höchste Wesen“ nicht sein kann (aber vielleicht auch gar nicht muß).
Dem Bewußtsein als Inhalt des Begriffes „Bewußtsein“ muß Denken nicht vorausgesetzt werden (siehe weiter unten). Wohl aber muß für das Schaffen des Begriffes „Bewußtsein“ und dem Nachdenken über den Inhalt des Begriffs Denken vorausgesetzt werden.
Es gibt unterschiedliche Bewußtseinsformen. Es gibt ein Bewußtsein über die registrierten Vorgänge aller Art im Selbst, es gibt ein Bewußtsein über externe Gegenstände und Prinzipien, es gibt ein Bewußtsein über Zusammenhänge und Abhängigkeiten aller Art, etc., und es gibt auch ein „Unterbewußtsein“ – ich „handle irgendwie“ und weiß nicht (genau), warum; erst das Nachdenken darüber kann (ungenaues) Wissen darüber schaffen.
Gedanken werden durch Denken gebildet – Bewußtsein und Unbewußtsein nicht (wohl die Begriffe „Bewußtsein“ und „Unbewußtsein“, nicht aber, was ihr Inhalt ist – wohl die Meinungsaussage, nicht hingegen das Gemeinte).
Es gibt „Unbewußtsein“ (Nichtbewußtsein) – worauf ich nicht mehr oder noch nicht oder niemals auch nur ahnungsweise reflektiere, das ist mir unbewußt, obwohl es für sich sein könnte und obwohl es einem anderen als mir bewußt sein könnte.
Sehe ich in meinem Denken völlig von mir ab (beispielsweise bei der Lösung einer von mir unabhängigen Aufgabe z. B. aus dem Bereich einer Wissenschaft), dann ist mein Nachdenken über „mein Bewußtsein über mein Selbst“ ausgeschaltet, aber dieses Bewußtsein ist (natürlich) vorhanden, es braucht weder Nachdenken noch Denken zum Nachdenken – es ist mit mir da, nur ohne mich ist es nicht mehr da. Ich benutze dann in meinem Denken das Bewußtsein über die Lösung der wissenschaftlichen Aufgabe.
„Ehe anderes begriffen werden kann, muß es das Denken werden; wer es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied ist“, sagt Steiner. In dieser Behauptung liegt ein grundsätzlicher Fehler.
Vor dem Begreifen steht das Denken, das ist wahr, aber es ist das Begreifen des Anderen, nicht das Andere für sich. Anderes wird nicht Denken (wie kommt es dazu), sondern Denken wird durch Anderes – es ist mit Denken die geistige Tätigkeit (also etwas Aktives) eines im weitesten Sinne intelligenten Wesens gemeint. Erst anderes als Denken aktiviert Denken (und Denken aktiviert Nachdenken), wodurch Denken von Anderem abhängt. Als erstes hängt (individuelles) Denken ab vom intelligenten Wesen selbst, das in allen seinen Abhängigkeiten denkt, aber es hängt auch ab vom Objekt, das vom intelligenten Wesen bedacht wird.
Weiten wir das individuelle Denken zum Maximum auf, so haben wir das Denken an sich – das Denken der intelligenten Gesamtheit im weitesten Sinne. Ohne Intelligenz im weitesten Sinne kein Denken, diese Funktion ist eindeutig (es gibt aber die besten Gründe, anzunehmen, daß in sämtlichen „Irgendwos und Irgendwanns“ Intelligenz im weitesten Sinne vorhanden ist – folglich gibt es „unentwegt“ Denken, das allerdings diese Irgendwos und Irgendwanns braucht).
Weder ist ein intelligentes Wesen (z. B. der Mensch) Anfangs- noch ist es Endglied (es ist vermessen, uns als Endglied einer Schöpfung zu bezeichnen), sondern jedes intelligente Wesen ist integrativer Bestandteil der Natur, und es ist integrativer Bestandteil der Natur als ein physischer Gedankenträger mit seinem eigenen Anfang und seinem eigenen Ende, weil jedes physische „Gebilde“ seinen Anfang und sein Ende in seinem Da-Sein hat (nicht im Da-Sein anderer intelligenter Wesen, aber das ist eine andere, weitergehende Betrachtung).
Es läßt sich widerspruchsfrei erfassen, daß „der Mensch“ im Prinzip der Welt enthalten ist, weil es auch ihn gibt, um (notwendigerweise) dem „Sinn der Weltexistenz“ durch Reflexion Sinnerfüllung zu geben (nur Sinn haben reicht im Weltprinzip nicht aus). Hierbei ist der vom Menschen losgelöste rein geistige Inhalt des menschgeschaffenen Begriffes Prinzip dem Inhalt des menschgeschaffenen Begriffes Denken nicht gleichzusetzen.
Steiner behauptet die „reine, gedankenlose Beobachtung, der das Denken in seiner Tätigkeit gegenübersteht“ – diese Art von „Beobachtung“ gibt es nur nicht. Wer einen Vorgang oder Gegenstand planmäßig betrachtet, der beobachtet – er denkt, sonst wäre es nicht Beobachten. Im Denken steht der Beobachter nicht gegenüber, sondern er steht im System des Beobachteten und Beobachtenden. Der Beobachtungsvorgang ist ein hermeneutischer Vorgang – die „beobachtete Sache“ wird nach bestimmten Relevanzkriterien als erstes irgendwie aufgefaßt und dann wird zwecks ersten Verstehens auf die erste Auffassung reflektiert, danach wird auf das erste Verstandene reflektiert bis hin zur Erfassung und Interpretation der gesamten Sache. Relevanznahme und Interpretationsabsicht, aber auch Erfahrungswissen, Habitus und Konstitution des Beobachters bestimmen den gesamten Denkvorgang, was auch hier bedeutet, daß individuelles Denken vom Denkenden abhängt und nicht umgekehrt (bezüglich Denken an sich siehe weiter oben).
Steiner sagt (was sich in erster Näherung „schön anhört“), daß „das rein geistig erlebbare intuitive Denken dazu führt, eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineinzustellen“. Er spricht vom „Erlebnis des intuitiven Denkens – im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt“.
Steiners rationales Denkwerk als vorliegender Text stellt das Ideal des intuitiven menschlichen Denkens in den Mittelpunkt der Weltsinngebung – eine Unzulässigkeit. Es ist zulässig, das Denken des Menschen als das Denken eines intelligenten Wesens zu beschreiben, das auf die von ihm ungemachte Welt reflektiert, um die von ihm gemachte zu formen, doch mehr als das ist unzulässig (vermessen). Fordere ich mich dazu auf, meine „intuitiven Wahrnehmungen in die Wirklichkeit erkennend hineinzustellen“, dann provoziere ich als erstes meine menschlich-naive Überheblichkeit – es bei intuitivem „Erfassen“ einer Wahrnehmung zu belassen ist naiv, also menschabhängig.
Was ist denn Intuition! Das „intuitive Erfassen“ einer Wahrnehmung (als die Anschauung im Sinne einer unmittelbaren und ganzheitlichen Wahrnehmung im Gegensatz zum Nacheinander- Beobachten-Und-Deuten) ist stets die am wenigsten scharfe „Erfassung“ des Wahrgenommenen – es ist nämlich nicht ihre Erfassung, es ist lediglich die erste Auffassung, auf die bis hin zu Erfassung und Deutung mehrfach reflektiert werden muß.
Die Deutung einer Wirklichkeit als (oft erst vorläufiges) Ergebnis der Wahrheitssuche zum Zweck der Wirklichkeitserfassung birgt umso mehr Fehler in sich, je weniger sich der Deutende auf dem Wege zur Deutung von sich selbst löst (von seinem Wunschdenken, seinen zweckfremden Absichten; Relevanznahme muß die Wahrheitssuche sein).
Es gibt nur einen Weg zur Deutung und Erfassung einer Wirklichkeit, das ist der Weg, auf dem man vollständig von sich absieht.
Es ist besser, einer Wirklichkeit (und damit einer Sache = menschungemachte oder von Menschen nicht mehr zurücknehmbare Wirklichkeit) so deutlich wie möglich (also möglichst eindeutig) gerecht zu werden, indem ich auf die Wahrnehmung der Sache reflektiere bis hin zur in sich selbst widerspruchsfreien Deutung des Soseins und des Wesens und der Voraussetzungswirklichkeiten dieser Sache, als daß ich sie durch meine von mir abhängige bloße Intuition mit allen ihren Interpretationsunschärfen „in die Gesamtwirklichkeit hineinstelle“ (welch eine Vermessenheit – ich stelle mich vor die Wirklichkeit).
In sich selbst widersprüchliche Deutungsergebnisse sind Denkergebnisse von Menschen, die „wie Menschen denken (also fehlerhaft)“, was allerdings in den meisten Fällen ohne Belang ist, weil die Interpretation einer Wirklichkeit die Wirklichkeit nicht ändert – siehe Definition von Wirklichkeit und Wahrheit unter Philosophie/Physik Erläuterungen).
Nun ist aber „fehlerfrei denken“ auch das Denken von Menschen, doch dieses Denken befreit, das andere läßt (nicht selten alle) Fragen offen.
Steiners Gedankenwelt ist geschlossen und läßt ein Prüfen auf Widerspruchsfreiheit nicht zu (aber er hätte sich ideell bis heute erweitert, vielleicht hier und da ins Gegenteilige). Sein Wunsch, die „Philosophie der Freiheit“ gefunden zu haben, ist und bleibt unerfüllt; denn:
Indem sich „seine Anhängerschar“ durch die eigenen, stets unscharfen „ersten“ Wahrnehmungen selbst bestätigt, weil sie das Wahrgenommene nicht mit präzisem, kontinuierlich-konsequentem Nachdenken „erfassen“ will, unterzieht sich „der nicht mit ihr Einverstandene“ einer oft anstrengenden Gedankenarbeit, um in einer widerspruchsfreien Deutung dem Wahrgenommenen so deutlich wie irgend erreichbar gerecht zu werden.
Es gilt auch hier: Basis einer Weltüberlegung falsch = Weltüberlegungsergebnis falsch. Nur offene Denksysteme erlauben es, in der Erkenntnis weiter voranzukommen, indem ein eingeschlagener Irrpfad zurück gegangen wird, um an der Basis Modifikationsarbeit zu leisten.