Immanuel Kant
Eine kleine Stellungnahme
 
Immanuel Kant
Das gesamte Gedankenwerk des seit 1740 Studenten der Mathematik, Anthropologie, Geographie, Theologie und Philosophie, 1755 promovierten Privatdozenten und ab 1770 Professors I. Kant (1724-1804), der unverheiratet blieb und sich in Königsberg / Ostpreußen seiner geistigen Arbeit widmete, ist ein Glücksfall für die intellektuell begabte und interessierte Menschheit, auch wenn (natürlicherweise) Widersprüchlichkeit und Idealisierung aufzufinden sind.
Kants „kategorischer Imperativ“ beispielsweise ist eine Idealisierung. Die Unzulänglichkeit des Menschen verhindert, daß es ihm jemals gelingen wird, das unbedingte ethische Pflichtgebot Kants zu erfüllen, indem er, der Mensch, so handelt, daß die Maxime seines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann, oder: Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte, oder: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde, oder: Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person wie in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.
Die Erkenntnis (nicht Forderung) des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679): „Alles menschliche Handeln, auch das sittliche, geht von der Selbstliebe aus, nur das eigene Interesse zwingt zur Rücksicht auf andere“ beschreibt das wohl Wahre auf dem tiefsten Grund allen menschlichen Verhaltens, und wenn das so ist, dann ist Kants Postulat – auch nach aller bisherigen Erfahrung – unerfüllbar.
Wenn Kant sich von der Philosophie des menschlichen Verhaltens entfernt, um die Wahrheit menschunabhängiger „Dinge“ zu deuten (was notwendig ist, weil der Mensch und damit sein Denken von vielen menschunabhängigen „Dingen“ abhängt), dann ist es erforderlich, sich ganz von sich selbst wie auch von sich als Aussagendem zu lösen, will er die Deutungen auf ihren objektiven Wahrheitsgehalt hin prüfen, auf den „Wahrheitsgehalt an sich“, damit auch die Deutung dieses Wahrheitsgehaltes möglichst dem „Wahrheitsgehalt seiner, der Kant’schen Deutung an sich“ entspricht.
Hier sollen lediglich zwei Beispiele vorgeführt werden.
Karl R. Popper (1902-1994) führt zu zwei „Kantischen Antinomien“ kurz und bündig aus:
„Beginnen wir mit einer Analyse des Begriffes einer unendlichen Folge von Jahren. Eine solche ist eine Folge, die immer weiter geht und niemals zu einem Ende kommt. Sie kann niemals abgeschlossen vorliegen: eine abgeschlossene oder vollendete unendliche Folge von Jahren ist für Kant ein Widerspruch in sich selbst.
Kants erster Beweis argumentiert nun folgendermaßen: Die Welt muß einen Anfang in der Zeit haben, da sonst im gegenwärtigen Augenblick eine unendliche Folge von Jahren verflossen ist und daher abgeschlossen und vollendet sein muß – das aber ist unmöglich. Der erste Beweis ist geführt.
Zum zweiten Beweis bereiten wir vor: Die Zeit vor der Entstehung der Welt ist völlig leer, es gibt überhaupt nichts in ihr, und so muß sie eine Zeit sein, worin kein Zeitintervall von einem anderen durch seine zeitlichen Beziehungen zu Dingen oder Vorgängen differenziert ist; denn Dinge oder Vorgänge gibt es eben überhaupt keine. Betrachten wir das letzte Zeitintervall einer leeren Zeit, jenes, das dem Anfang der Welt unmittelbar vorangeht: Dann wird offenbar, daß dieses Zeitintervall von allen vorhergehenden Zeitintervallen dadurch differenziert ist, daß es in einer engen und unmittelbaren zeitlichen Beziehung zur Entstehung der Welt steht; andererseits ist dasselbe Zeitintervall leer und kann in keiner zeitlichen Beziehung zu einem Vorgang stehen, so daß es ein Widerspruch in sich selbst ist und die Welt keinen Anfang in der Zeit haben kann, wie Kants zweiter Beweis lautet.
Wir haben hier einen Widerstreit zwischen zwei Beweisen, wozu Kant sagt, daß dieser eine Antinomie sei“, wie Popper also darlegt.
Der erste Beweis ist aber fehlerhaft geführt; denn Kant bringt lediglich die Betrachtung eines mit seinem Willen ausgestatteten Wesens ins Spiel, nicht den Fluß der Jahre an sich. Es ist der Betrachter, der es will, daß der gegenwärtige Augenblick für den Fluß der Jahre als abgeschlossen gilt; dem Fluß der Jahre ist dieses völlig gleichgültig: in ihm reiht sich ein Jahresintervall an das andere, weiter nichts, so daß der Beweis für einen Anfang in der Zeit für die Welt nicht gegeben ist – die (menschgemachte Einteilung der) Jahre reihen sich einfach unendlich aneinander. Es ist nicht notwendig, für dieses Unendlich von „minus und plus Unendlich“ zu reden – es gibt nicht zwei Unendlichkeiten, sondern im Nur-Dasein und damit in der Unbegrenztheit des einen „Alles“, in dem jedes Etwas einmal war, ist oder sein wird, kann ohne Anfang und Ende ein Jahr dem anderen folgen (ich sage besser „Moment“ statt „Jahr“). Wegen der Zugehörigkeit des „Alles“ zur Welt (im „Alles“ sind Welt, Zugehörigkeit und „Alles“ notwendigerweise enthalten) hat die Welt notwendigerweise einen Anfang oder eine Ende „in Zeit und Raum“ nur nicht.
Wenn eine Zeit (ob „leer“ oder nicht) schon vor der Welt besteht, so ist allein diese Aussage ein Widerspruch in sich selbst, gehört doch Zeit (wie auch Raum) zur Welt, sofern wir alles, was es gab, gibt und geben wird, als zur Welt zugehörig bezeichnen – und es wäre widersinnig, es nicht zu tun. Und daß es überhaupt nichts in dieser Zeit gibt, ist ebenso falsch – nicht nur, daß Zeit irgendwo bestehen muß (sie ist ja da), sie also Raum braucht, so daß es mehr als überhaupt nichts gibt, sondern es sind da zumindest auch noch Zeitintervalle, ob leer oder nicht, jedenfalls mehr als überhaupt nichts und sogar als Vorgang, weil etwas vorgeht, wenn ein Zeitintervall vom anderen abgelöst wird – bis hin zum letzten, welches an die „Wand des Weltenbeginns“ stößt.
Es ist infolgedessen die Behauptung unwahr, daß auf Grund des von Kant Beschriebenen ein Anfang der Welt nicht gegeben sein kann, und damit ist der ganze Widerstreit zwischen beiden „Beweisen“ unwahr, also unsinnig.
Hätte Kant geschrieben, daß vor dem Beginn der Welt das Nichts vorhanden gewesen wäre, dann hätte der Widerspruch in sich selbst allein in dieser Aussage gelegen, da Vorhandenes nicht nichts ist, es Nichts also nur nicht gibt; auf diese Weise wäre es beweisbar, daß es einen Anfang der Welt nur nicht gibt und in derselben Schlüssigkeit ein Ende nur nicht.
Antinomien sind ja aufstellbar, weil sie dem Menschen nicht aus der menschungemachten Welt von außen zukommen, sondern weil sie in ihnen hinter der Stirn entstehen – ein weitreichender Unterschied zur wahrheitlichen Existenz dessen, was es intelligenzwesenunabhängig gab, gibt und geben wird.
Ich liebe die menschliche Phantasie in ihrem Grundsatz sehr, sie ist ein Zeichen von Intelligenz, Gestaltungskraft und Imagination, wir haben ihr von den alten Mythen bis hin zur modernsten Science Fiction und über beides hinweg vieles „Unglaubliche“ zu verdanken (allerdings auch vieles unglaublich Entsetzliche). Die beschreibende Wissenschaft muß aber von diesem „menschlich-ichbezogenen Denken“ absehen und sich der „objektiven Deutung des Sachverhaltes“ zuwenden, darauf hat der Empfänger der deutenden Aussage ein Recht.
Wenn Kant, Popper, wer auch immer, wissenschaftlich oder (so gut wie das gleiche) philosophisch schreibt: „...denn Dinge oder Vorgänge gibt es eben überhaupt keine“, dann muß auch darauf geachtet werden, daß es „überhaupt keine Dinge oder Vorgänge“ nicht geben, sondern nur nicht geben kann – das gehört zum „Absehen vom sonst phantasievoll sein dürfenden menschlichen Denken“ dazu.