Jean Gebser
Eine kleine Stellungnahme
 
Die erste Aussage hierzu: Allen Menschen, die ihren Intellekt benutzen, um uneigennützig „den Wirklichkeiten des menschlichen Verhaltens“ auf die Spur zu kommen, zolle ich meinen hohen Respekt. Meine Textkritik orientiert sich an der Textaussage und richtet sich nicht gegen die Persönlichkeit eines Menschen.
Der junge Jean Gebser
Jean Gebser (1905-1973) schreibt, daß der Weg des einzelnen Menschen ein Weg der zunehmenden Bewußtwerdung sei, er führe aus der Ichlosigkeit über die Ichhaftigkeit zur Ichfreiheit. „Wie viele aber finden denn wirklich ihr Ich? Die meisten glauben es zu besitzen, weil sie es ins Du projizieren; das ist Scheinbesitz und eine Vergewaltigung des Du; andere verwechseln die stets beziehungslose Egozentrik mit Ichhaftigkeit. Egozentrik ist nur der Ausdruck eines nie aus dem Wir zum Du erwachten Infantil-Ego.“
Verlag Via Nova
ISBN 3-928632-26-4
Gerhard Wehr: Jean Gebser
   
„Ichhaftigkeit ist die primäre Ichbehauptung und Ichstärkung; sie schließt stets echte mitmenschliche Beziehung in sich ein und kann am Maß der vom Individuum aufgebrachten Rücksicht gemessen werden.“
„So gesehen führt die Ichfindung zur Ichhaftigkeit und nur diese, sofern sie nicht in der Egozentrik steckenbleibt, kann zur Dufindung führen, welche ihrerseits die Ichüberwindung zur Folge haben sollte. Doch wie viele von uns überwanden ihr Ich? Es gibt also Arbeit genug. Höchst unangenehme, schmerzhafte Arbeit an uns selber. Sie ist Voraussetzung für den entscheidenden Vollzug. Jeder einzelne von uns muß leisten, was in den Bewußtwerdungsmöglichkeiten der Menschheit liegt und vorgegeben ist. Das ist einer der möglichen Wege, der uns aus der Attrappenexistenz im modernen Staat herausführen und somit das Menschliche schlechthin retten könnte.“
Zur Rettung des Menschlichen in unserer Zeit, 1971, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, ISBN 3-534-05630-2.
Hierzu ist nach meinem Dafürhalten nur zu sagen: Hervorragende Deutung des Ich-Begriff-Inhalts! Nur das Ich, das in der Suche nach der Wirklichkeit eines Sachverhalts oder in der Beurteilung der Verhaltenswirklichkeit eines anderen Menschen von sich absieht, ist ein starkes Ich – es besitzt ein starkes Ich-Bewußtsein und findet deshalb den angemessenen Raum für anderes; es ignoriert sich deshalb nicht, sondern es ist einfach da – ohne die Schwäche der oft üblichen Vorverurteilung externer Vorgänge.
Jean Gebser unterscheidet („Ursprung und Gegenwart“) zwischen vier Bewußtseinsphasen, die die Menschheit innerhalb ihrer Entwicklung durchgemacht hat – auf der untersten Ebene das archaische Bewußtsein, dann das magische, das mythische, das mentale. Jean Gebser prognostiziert den Ersatz des mentalen Bewußtseins durch das integrale. Die Übergänge finden durch Mutation statt; .in der neuen Phase bleiben die vorangegangenen im „kollektiven Unbewußten“ (besser: Unterbewußtsein) verdrängt bestehen. – So weit, so gut; Gebser behandelt hier das „Bewußtsein der Menschheit“, allerdings werden die Übergänge nicht spontan (mutativ), sondern sukzessiv abgelaufen sein (in der Relation kann das als Sprungfunktion erscheinen).
Kennzeichnet Gebser das archaische Bewußtsein durch Vorzeitlichkeit und Vorräumlichkeit und definiert er es als ein nulldimensionales, bewußtloses Bewußtsein, das kein Ich hat und demzufolge ichlos ist, so sind hier Widersprüche deutlich. Ein bewußtloses Bewußtsein ist Nicht-Bewußtsein, also ist diese Darstellung ein Widerspruch in sich selbst. Das trifft auch zu für die Nulldimension – in Nulldimension ist ein Etwas nicht da, auch ein Bewußtsein nicht, selbst nicht das einem Bewußtsein innewohnende Prinzip, durch es so in Sein und Wesen Bewußtsein ist, wie es Bewußtsein ist (und nicht anders). Auch gibt es Vorzeitlichkeit und Vorräumlichkeit nur nicht – was da ist, braucht in diesem „Da“ Raumzeitlichkeit (Vorzeitlichkeit und Vorräumlichkeit „wollen“ ja ebenso da sein, die Begriffe sind Widerspruch in sich selbst).
Das magische Bewußtsein kann nicht aus der „nulldimensionalen Struktur des archaischen Bewußtseins“ in die „eindimensionale Unität“ mit „weiterhin unbewußter Raum- und Zeitlosigkeit“ treten – „nulldimensionale Struktur“ gibt es nur nicht, weil Struktur stets einer zeitlichen und drei räumlichen (Potential-)Dimensionen unterworfen ist.
Daß der „magische Mensch“ sein Ich als eine „diffuse Ansammlung von Lichtpunkten“ erfährt, das sich als „Gruppen-Ich im Clan organisiert, wobei ein solcher Clan sich der punkthaft erfaßten, energiegeladenen, eine ständige Bedrohung darstellenden Welt gegenübergestellt sieht,“ ist für mich menschheitsgeschichtlich sehr deutlich und faszinierend beschrieben.
Dem mythischen Bewußtsein schreibt Gebser das Seelische zu, und „da alles Seelische Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern impliziert auch das Nicht-an-die-Zeit-gebundene, das Ewige, das auf den Himmel oder auf die Hölle bezogen ist“. Was ist hier zu kritisieren? Das „nicht an die Zeit gebundene“. Das Ewige ist an die Zeit gebunden wie das Endliche. Das Endliche muß vom Wird-Sein über das Da-Sein ins Da-Gewesen-Sein wechseln (es unterliegt Momenten), das Ewige ist nur da (weswegen es ewig, aber natürlich auch zeitlich ist – ein Moment in unbegrenzter Ausdehnung, der alle anderen – voneinander unterschiedlich sein könnenden – Daseinsmomente überspannt, „überbrückt“, besser: in sich hat.)
Das mentale Bewußtsein eröffnet nach Gebser dem Menschen eine ihm gegenüberstehende Objektwelt mit den großen formgebenden Begriffen als mentale Abstrakta anstelle der mythischen Bilder, Abstrakta als in einem gewissen Sinne Göttererscheinungen, also Götzen: „Anthropomorphismus, Dualismus, Rationalismus, Finalismus, Utilitarismus, Materialismus: kurzum die rationalen Komponenten der perspektivischen Welt “. – Sic! Allerdings steht diese Welt dem Menschen nicht mehr unbedingt gegenüber, sondern er ist dabei, sich mitten hinein zu begeben, also integraler Bestandteil dieser menschgemachten Welt zu werden, umhüllt von der menschungemachten Welt.
Es ist für die Menschheit ein Gewinn, vom „Bilderentwerfen in der mythischen Phase“ (Gebser) hinausgefunden zu haben in die mentale; eine Mutation stellt dieser Übergang allerdings nicht dar, denn wir haben immer noch Menschen in starkem mythischen Bewußtsein, die leider nicht nur Positives daraus entwerfen oder entworfen haben.
Wenn Jean Gebser das integrale Bewußtsein als „Ganzwerdung“ bezeichnet, dann ist das ein idealisierender Begriff, da zur Ganzwerdung der vollständige Verstand und das vollständige Gefühl gehört – das aber wird wohl niemals gegeben sein. Gebser meint „die Wiederherstellung des unverletzten ursprünglichen Zustandes unter dem bereichernden Einbezug aller bisherigen Bewußtseinsleistungen“. Der integrale Mensch wird sich, so Gebser, über sein Leben und Schicksal klar werden und sein Bewußtsein wird einen Reifegrad erreichen, der zur Vorbereitung für die Konkretisierung zum Gesamtbewußtsein notwendig ist., weil nur das Konkrete, nicht das Abstrakte integrierbar ist.
Gebsers Diskussionen des menschlichen Verhaltens und seines Bewußtseins ergeben für das Individuum den folgenden Vorteil: Es kann sich durch Einsicht, durch die Erfassung des von Gebser Gemeinten, in seinem Ich-Bewußtsein und dadurch in seinem Ich stärken, ohne dabei in der Egozentrik stecken zu bleiben, sondern um die unscharfe und deswegen ständige Beschäftigung „mit sich selbst“ zu einer (so gut wie) erledigten Sache zu machen. Das hat zur Konsequenz, daß das Individuum wird, wie es ist, bis es ist, wie es ist – das beste, was es sich und allen denen, die mit ihm zu tun haben, antun kann. Es hat auch zur Konsequenz, daß das Individuum Ich-Fortschritte macht, um es weiter zu stabilisieren, durch Erkenntnise von außen und nicht mehr durch eigenes, die wirkliche Welt entstellendes oder negierendes „Bilder- Entwerfen“. Eine weitere, wichtige Konsequenz ist die, daß das Individuum nicht mehr „andere Individuen“ mißbrauchen wird, nur um sich selber gegenüber Dritten oder – öfter – sich selbst zu rechtfertigen, was meint: ins rechte Licht zu stellen.