Zu: „Über die Basiswahrheit des Seins“,
dem Beitrag von Erich R. Andersen
 

 Ein Wort dazu voraus:
Wir, fast ausschließlich, „hypostasieren“
(wir unterstellen vieles, was wir bloß denken, als „wirklich außerhalb von uns vorhanden“).
 
Es ist schön und obendrein plausibel, was Georg W. F. Hegel (1770-1831) sagt: „Daß es der ungebildete Mensch ist, der abstrakt denkt, weil er allein das vordergründig momentane Geschehen beurteilt*, während der Gebildete, da er die ganze Milchstraße der dazugehörigen Besonderheiten, Beziehungen und Bewegungen mit beachtet, konkret denkt“ und insofern die Philosophie in besonderem Maße konkretes Denken sei.
*In der Dummheit ist eine Zuversicht, worüber man rasend werden möchte, hat Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) geäußert.
Verlassen wir Hegel, der sich im weiteren schnell, wie andere Denker oft auch, in die eigene Perspektive verstrickt und diese in viele seiner anderen Perspektiven induziert („das Absolute ist sich seiner zunächst nicht bewußt, es muß sich gegenständlich machen, um sich in seinem Selbstbewußtsein einzuholen, um auch für sich zu werden, was es an sich schon immer ist“*), und der mit seinen Definitionen von Vernunft und Verstand, vom „Zusammenfallen von Anfang und Ende“ usw., sich, also „die Sicht des Menschen“, vor all jenes stellt, von dem das Menschsein abhängt.
*Absolutes ist und weiter nichts und muß nicht etwas „machen“, um etwas zu erreichen – Hegel deutet etwas auf eine typisch hoministische Weise, obendrein mit einem inneren Widerspruch: Was erst etwas erreichen muß, ist nicht absolut.
Es ist fast immer die menschliche, die subjektive, die eigene Perspektive, die den „irdischen philosophischen Denker“ prägt, wovon man sich grundsätzlich nicht herausnehmen kann, aber man kann die Differenz zur „äußersten Perspektive“ zu minimieren versuchen. Ach, könnte man einmal einen nicht-irdischen philosophischen Denker vernehmen.
Nikolaus von Kues (1401-1464) meint, „daß, wenn der Durchmesser eines Kreises unendlich groß wird, die Kreiskrümmung dann unendlich klein, somit eine Gerade ist, daß nun also krumm und gerade zusammenfallen“ – beides also eines ist und auf diese Weise unser beschränktes Verstandesdenken verdeutlicht. Nun ist aber ein Kreis ohne Kreiskrümmung nicht Kreis! Einen Kreis ohne Kreiskrümmung gibt es nur nicht. Wer vergeudet Gedanken an „etwas“, das es nur nicht gibt! Diese Kues’schen Gedanken sind im Inneren dieses Menschen geboren und von allen externen, für die Korrektur der Aussage aber unbedingt notwendigen Informationen befreit mit der Folge, daß nicht wenige Empfänger einer solchen Aussage einen Teil ihrer Zeit mit Kopfzerbrechen vertun bis hin zur in den Wahnsinn treibenden Imagination: Ja, wie klein ist jetzt unendlich klein?
Martin Heidegger (1889-1976) fragt ernsthaft: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ – Nichts kann sein? Was sein kann, ist nicht nichts. Nichts kann weder sein noch kann Nichts „etwas“. Allenfalls gibt es für ein Etwas* sein Noch-Nicht-Sein und sein Nicht-Mehr-Sein als die beiden ihm zugehörigen ontologischen Komplemente. Nichts gibt es nur nicht, denn was es gibt, ist nicht nichts.
*Noch nicht oder nicht mehr bezieht sich dabei auf den etwas-zugehörigen Daseins-Zustand und nicht auf den Daseinszustand eines Etwas-Beobachters.
Die Denkergebnisse des Jean-Paul Sartre (1905-1980) mit „seiner absurden Welt – das Nichts“, in die „der von allen Bindungen befreite Mensch gestellt ist“ – muß man wohl- oder auch nicht wohlwollend zur Kenntnis nehmen, doch können wir auf der Stelle eine Reihe von physikalischen, chemischen, biologischen und psychologischen Fakten aneinanderreihen, ohne die der Mensch nicht wäre.
Ein Sir...!„Wie kann dogmatisches Denken verhindert werden?“ fragt Karl R. Popper (1902-1994) und meint damit perspektivisches Denken, denn dogmatisches Denken ist ein solches, aufs Schärfste eingeengt durch Intoleranz. Popper stellt sich gegen induktive Verallgemeinerungen und fordert, daß wissenschaftliche, wirklichkeitsbezogene Sätze logisch stimmig und unbedingt falsifizierbar sein müssen (so lange, bis sie es nicht mehr sind), daß sie einem kausalen, also ursache-wirkungsbezogenen Schema der Beschreibung mit innewohnender Selbstkorrektur zu unterliegen haben – die zwangsweise ständige Überprüfung einer solchen Aussage auf Übereinstimmung mit dem Wirklichen.
Das Wirkliche an sich, das muß hinzugefügt werden, ist dabei nur über die Informationen, die von dem Wirklichen über dieses Wirkliche ausgehen, zwecks Übereinstimmungsabgleich heranziehbar.
Albert Menne (1923-) untersucht das folgerichtige Denken: „Logik ist die Theorie der Funktoren* und ihrer Anwendung auf die drei elementaren semantischen Kategorien der Aussage, der Individuennamen und der Universalien, wobei für die Logik der Frage, der Imperative und der Normen weitere semantische Kategorien hinzukommen. Die drei elementaren semantischen Kategorien beruhen auf Gegebenheiten der Ontologie; sie unterliegen den ontologischen Prinzipien der Identität und des Nicht-Widerspruchs“.
*Ein Funktor erläutert oder bestimmt einen oder mehrere andere Ausdrücke (Argumente) oder setzt sie in eine oder mehrere Beziehungen.
Heinrich Stork (- -) befaßt sich mit technischen Systemen und mit Technikern, und er befaßt sich mit der dritten ontologischen Komponente: die Information (nach G. Günther). Er verbindet die Philosophie der Technik mit den wichtigen philosophischen Zweigen der Ontologie, der Soziologie, der Psychologie etc.
Man kann aus der Folgerichtigkeit solcher Denkergebnisse die (nach Popper) Geschwätzigkeit des einen oder anderen Philosophen beurteilen – umgekehrt funktioniert es nicht (Polemik).
Darum werden Denker, die von sich absehen, von den anderen Philosophen bekämpft oder ignoriert. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Neurotiker ersten Ranges, nennt Popper „irgendeinen Esel aus London“, und Theodor W. Adorno (1903-1969) bekämpft ihn vehement, da Popper nicht eben sanft mit den „Schwätzern“ umgeht.
Der Streit wird bleiben, die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Auch die Erkenntnisunschärfe bleibt. Wirklichkeit, Voraussetzung für unser Sein, also auch unser Denken, ist nicht nur im physikalischen Mikrokosmos nicht vollständig erfaßbar, auch ihre Details in der Welt lassen sich nicht ganz und gar bis ins letzte Element von Atomgröße und weiter hinunter „durchdringen“.